281 PS machen den neuen Opel Corsa GSE zum stärksten Corsa aller Zeiten. Doch die interessantere Frage lautet vielmehr, ob aus elektrischer Leistung auch wieder jener kleine Sportwagen geworden ist, der einst GSi und OPC auszeichnete. Opel betreibt dafür erheblich mehr Aufwand, als es das Datenblatt zunächst vermuten lässt.
Vor einigen oder auch schon vielen Jahren waren 100 PS in einem Kleinwagen eine ernsthafte Ansage. 1988 etwa, als Opel dem Corsa A einen 1,6-Liter-Einspritzmotor mit 100 PS spendierte, dazu Sportsitze, härtere Federn, verstärkte Stoßdämpfer und innenbelüftete Scheibenbremsen. Der Corsa GSi wog 820 Kilogramm, erreichte 188 km/h und benötigte rund 9,5 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100.
Heute würde man mit diesen Zahlen kaum noch an einem Stammtisch gewinnen, ,mit dem Auto selbst hätte man vermutlich schon echt gute Karten. Denn der Reiz dieser frühen Hot Hatches lag nicht in spektakulären Leistungswerten, sondern in einer Kombination, die inzwischen beinahe aus der Mode gekommen ist: überschaubare Abmessungen, wenig Gewicht und genügend Leistung, um daraus auf der richtigen Straße ein ausgesprochen unterhaltsames Automobil zu machen.

Fast vier Jahrzehnte später versucht Opel, genau diese Idee in eine Zeit zu übertragen, in der der Verbrennungsmotor nicht mehr zwingend dazugehört.
Der neue Corsa GSE ist vollelektrisch, leistet 207 kW oder 281 PS und stellt 345 Nm bereit. Damit ist er der stärkste Serien-Corsa, den Opel bislang gebaut hat. 5,5 Sekunden genügen für den Sprint von null auf 100 km/h, bei 180 km/h wird elektronisch Schluss gemacht. Bemerkenswerter als diese mittlerweile fast obligatorischen Elektro-Leistungswerte ist eine andere Zahl: 181 PS kommen auf 1.000 Kilogramm Fahrzeuggewicht.
Leistung ist noch keine Fahrdynamik
Das weiß man auch in Rüsselsheim. Denn elektrische Leistung bereitzustellen, ist heute keine besonders exklusive Ingenieurskunst mehr. Sie kontrolliert auf die Straße zu bringen und daraus ein Auto mit Charakter zu entwickeln, ist die erheblich anspruchsvollere Aufgabe. Und das gilt insbesondere bei einem Fronttriebler.
Deshalb beschränkt sich Opel beim GSE nicht darauf, dem Corsa einen stärkeren Elektromotor und ein paar auffällige Embleme mitzugeben. Das Chassis wurde um 25 Millimeter abgesenkt, die Spur vorne um 54 und hinten um 20 Millimeter verbreitert. Härtere Feder- und Dämpferraten sollen gemeinsam mit einem 30,8 Millimeter starken Stabilisator an der Hinterachse die Wankbewegungen reduzieren.

Der geringere Federweg erforderte zudem hydraulische Anschläge. Sie sollen insbesondere bei stärkeren Kompressionen verhindern, dass aus sportlicher Straffheit jene Grobschlächtigkeit wird, die gerne mit Fahrdynamik verwechselt wird.
An der Vorderachse wartet die vielleicht wichtigste Zutat des gesamten Autos: eine mechanische Torsen-Lamellen-Sperre. Sie soll dafür sorgen, dass die 345 Nm nicht hauptsächlich mit der Traktionsregelung verhandeln, sondern möglichst effektiv in Vortrieb umgesetzt werden. Dazu kommt eine direkter übersetzte Lenkung.
Auch beim Verzögern beließ es Opel nicht bei der Serienhardware. Eine Vierkolben-Hochleistungsbremsanlage von Alcon übernimmt diese Aufgabe. In Verbindung mit Michelin Pilot Sport 4S im Format 215/40 R18 ergibt sich damit ein technisches Paket, dessen Aufwand weit über zusätzliche Motorleistung hinausgeht. Die offiziellen Unterlagen nennen darüber hinaus spezifisch ausgelegte Achsen und Stabilisatoren sowie ein eigenes Lenkungs- und Pedal-Tuning.
Und genau hier beginnt der Corsa GSE interessant zu werden.

Eine ziemlich große Ahnenreihe für ein kleines Auto
Denn einen gewissen Erwartungsdruck hat sich Opel selbst geschaffen.
Die Corsa-Geschichte begann 1982. Bereits sechs Jahre später erschien der erwähnte GSi. 1993 folgte der Corsa B GSi 16V mit 109 PS, 2001 brachte es der Corsa C GSi mit seinem 1,8-Liter-Motor auf 125 PS und erstmals mehr als 200 km/h.
2007 änderte sich schließlich nicht nur die Leistung, sondern auch das Kürzel. OPC, Opel Performance Center, stand fortan auf dem sportlichsten Corsa. Der erste Corsa OPC leistete 192 PS.
Und dann kam 2010 die Nürburgring Edition. 210 PS und 280 Nm in einem kleinen Fronttriebler, dazu Bilstein-Performance-Fahrwerk und Brembo-Bremsanlage. Von null auf 100 km/h ging es in 6,8 Sekunden, erst bei 230 km/h war Schluss. Das war keine besonders vernünftige Form der Fortbewegung. Genau deshalb erinnert man sich heute noch daran.
2015 folgte der Corsa E OPC mit 207 PS, ebenfalls 230 km/h schnell und mit Frequency Selective Damping ausgerüstet. Danach wurde es um den wirklich scharfen Corsa still.
Bis jetzt.
Aus GSi und OPC wird GSE
Das neue Kürzel steht für Grand Sport Electric. Damit versucht Opel gar nicht erst, die Vergangenheit künstlich fortzuschreiben. Ein elektrischer Corsa mit Batterie im Fahrzeugboden kann kein 820 Kilogramm leichter Corsa A GSi sein – und sollte auch nicht versuchen, einer zu sein. Interessanter ist, ob sich dessen Philosophie übertragen lässt.
Der GSE bietet dafür drei Fahrprogramme. Im Sport-Modus stehen die vollen 281 PS und 345 Nm bereit. Normal reduziert die Leistung auf 231 PS, Eco auf 190 PS und 300 Nm. Gleichzeitig verändert sich die jeweilige Kalibrierung des Fahrzeugs.
Die Energie liefert eine Lithium-Ionen-Batterie mit 54 kWh Brutto- und 51 kWh Nettokapazität. Auch deren Temperaturmanagement wurde für die höheren Anforderungen des GSE angepasst.
Bemerkenswert ist dabei eine technische Familienähnlichkeit, die weit über das Design hinausgeht. Motor, Inverter, Batterie und weitere Hochvolt-Komponenten entsprechen jenen des Mokka GSE und des Mokka GSE Rally. Damit bekommt das derzeitige GSE-Programm eine gewisse Logik.

Vom Rallyesport bis in die Formel E
Der Mokka GSE Rally ist schließlich kein Showcar. Er wurde als erstes Wettbewerbsfahrzeug nach dem neuen FIA-eRally5-Reglement entwickelt und leistet ebenfalls bis zu 281 PS und 345 Nm. Dort kommen ein Renngetriebe, Lamellen-Sperrdifferenzial, Bilstein-Rallyefahrwerk und ein konsequent für den Wettbewerb vorbereitetes Chassis hinzu. ABS, ESP und Traktionskontrolle sind deaktiviert.
Opel versucht damit etwas, das in der elektrischen Transformation vieler Marken verloren gegangen ist: Motorsport, sportliche Serienmodelle und Markenidentität wieder miteinander zu verbinden.
Der nächste Schritt ist entsprechend groß.
Ab der Saison 2026/27 tritt Opel mit einem eigenen Werksteam in der Formel-E-Weltmeisterschaft an. Der neue Gen4-Rennwagen wird im Qualifying und Attack Mode bis zu 600 kW – 816 PS – leisten, permanenten Allradantrieb besitzen und mit bis zu 700 kW rekuperieren können.
Mit Mitch Evans hat Opel einen der erfolgreichsten Fahrer der Formel-E-Geschichte verpflichtet, daneben fährt Formel-2-Champion Théo Pourchaire.
Bei der Präsentation des Corsa GSE standen deshalb nicht zufällig mehr als vier Jahrzehnte sportlicher Corsa-Geschichte neben dem neuen Auto – und gleichzeitig der Opel GSE 27FE als Ausblick auf das nächste Kapitel.
Das ergab ein ungewöhnlich vollständiges Bild: vom kleinen GSi über die kompromissloseren OPC-Modelle und den elektrischen Rallyesport bis zur Formel-E-Weltmeisterschaft.

Die entscheidende Antwort fehlt noch
Auf dem Papier hat Opel beim neuen Corsa GSE jedenfalls vieles richtig gemacht. Vor allem hat man verstanden, dass 281 PS alleine keinen Hot Hatch ergeben. Eine mechanische Sperre, eine ernsthafte Bremsanlage, eine breitere Spur, ein eigenständig abgestimmtes Fahrwerk und eine direktere Lenkung sind wesentlich interessantere Argumente als eine weitere Zehntelsekunde beim Standardsprint.
Ob daraus tatsächlich ein würdiger Nachfolger von GSi und OPC geworden ist, lässt sich allerdings nicht am technischen Datenblatt entscheiden.
Gefahren haben wir ihn bereits.
Wie präzise die Vorderachse arbeitet, wie überzeugend die mechanische Sperre ihre Arbeit erledigt, was die neue Fahrwerksabstimmung mit dem elektrischen Corsa macht und ob sich unter all der neuen Technik tatsächlich wieder jener besondere Charakter eines kleinen Opel-Sportlers findet, darüber dürfen wir aufgrund des Fahr-Embargos erst kommende Woche berichten.
Nur so viel sei vorweggenommen:
281 PS machen ihn zum stärksten Corsa aller Zeiten. Dass Opel sich beim GSE nicht darauf beschränkt hat, ist die wesentlich interessantere Nachricht.


























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