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Hyundai IONIQ 6 N Line – Weniger N, mehr Alltag

Nach dem 650 PS starken IONIQ 6 N steht nun die deutlich zivilere N Line zum Test bereit. Mit 325 PS, Allradantrieb, 84-kWh-Batterie und 800-Volt-Technik übernimmt sie wesentliche Qualitäten des IONIQ 6, verbindet sie aber mit einem deutlich sportlicheren Auftritt.

Erst vor kurzem hatte ich mit dem IONIQ 6 N die 650 PS starke Topversion im Test. Nun folgt mit dem IONIQ 6 N Line 84 kWh 4WD jene Variante, die optisch bewusst die Nähe zum N sucht, technisch aber wesentlich näher am regulären IONIQ 6 bleibt. 325 PS statt 650, keine simulierten Gangwechsel, kein N Active Sound und kein auf maximale Fahrdynamik ausgelegtes Performance-Paket. Dafür bleiben Allradantrieb, die große 84-kWh-Batterie und vor allem die 800-Volt-Architektur. Damit ist die N Line weniger ein kleiner N als vielmehr die sportlichste Ausprägung des normalen IONIQ 6.

Das Facelift tut ihm gut

Der IONIQ 6 war schon bei seinem Debüt kein Auto für Menschen, die gerne unauffällig bleiben. Hyundai stellte die Aerodynamik über Konventionen und zeichnete eine fast tropfenförmige Limousine, deren stark abfallendes Heck ebenso eigenwillig war wie der frühere Doppelspoiler.

Mit dem Facelift hat Hyundai nicht versucht, diese Eigenständigkeit wegzuretuschieren. Man hat sie lediglich besser sortiert. Die Front ist flacher und präziser geworden, schmale Tagfahrleuchten ziehen sich beinahe wie Schnitte durch die Karosserie, die eigentlichen Scheinwerfer wandern optisch nach unten. Hinten verschwand der etwas bemühte Doppelspoiler zugunsten einer wesentlich eleganteren Ducktail-Lösung. Der IONIQ 6 bleibt ungewöhnlich, wirkt nun aber weniger bemüht, ungewöhnlich sein zu wollen.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Der Luftwiderstandsbeiwert liegt weiterhin bei bemerkenswerten cw 0,21. Die Form ist also keine Designübung, sondern folgt einer technischen Notwendigkeit: möglichst wenig Energie gegen die Luft zu verschwenden. Hyundai ergänzt die aerodynamische Grundform unter anderem durch aktive Luftklappen in der Front.

N Line statt N

Bei der N Line wird aus dieser betont aerodynamischen Limousine optisch beinahe ein kleiner Bruder des IONIQ 6 N. Spezifische Stoßfänger, ausgeprägtere schwarze Flächen, Seitenschweller und eigene 20-Zoll-Räder bringen genau jene Portion Aggressivität ins Auto, die der normalen Variante fehlt. Dabei sollte man sich von den Buchstaben nicht täuschen lassen.

Die N Line ist kein verkappter IONIQ 6 N. Sie besitzt weder dessen radikalere Fahrwerkstechnik noch dessen Performance-Instrumentarium. Das N-Line-Paket ist zunächst eine Frage von Auftritt und Ausstattung. Dass unser Testwagen trotzdem ziemlich kräftig anschiebt, hat einen anderen Grund.

Mit der 84-kWh-Batterie und Allradantrieb arbeiten zwei Elektromotoren zusammen. Vorne stehen maximal 73,9 kW, hinten 165,4 kW bereit. Die Systemleistung beträgt 239,3 kW oder 325 PS, das Drehmoment summiert sich aus 255 Nm vorne und 350 Nm hinten auf 605 Nm. Tempo 100 ist nach 5,1 Sekunden erreicht, bei 185 km/h endet der Vortrieb.

Das ist weit von den Leistungswerten des N entfernt. Im öffentlichen Straßenverkehr fühlt es sich allerdings keineswegs langsam an. Der IONIQ 6 beschleunigt vehement genug, Überholreserven sind reichlich vorhanden und der Allradantrieb bringt die Leistung sauber auf die Straße. Vor allem passt die Leistung sehr gut zum Charakter des Autos: schnell, aber nicht permanent auf maximale Fahrdynamik getrimmt.

325 PS reichen erstaunlich weit

Der IONIQ 6 N lebt von seinen technischen Möglichkeiten. N e-Shift, simulierte Gangwechsel, Sound, zahlreiche Fahrmodi und eine Fahrwerkstechnik, die aus der schweren Elektrolimousine ein ernst zu nehmendes Sportgerät macht.

Die N Line verfolgt einen anderen Ansatz. Sie ist leise, schnell und souverän. Der Allradantrieb bringt seine Leistung unspektakulär auf die Straße, die tiefe Batterie sorgt für einen niedrigen Schwerpunkt und die Lenkung vermittelt genügend Präzision, ohne Sportlichkeit künstlich zu überzeichnen.

Das Fahrwerk passt dazu. Trotz der 20-Zoll-Räder bleibt der IONIQ 6 ein bemerkenswert angenehmes Reiseauto. Gerade hier liegt möglicherweise der größte Unterschied zum N: Die N Line verlangt im Alltag deutlich weniger Kompromisse.

Innen endlich etwas weniger Bildschirm-Dogma

Auch innen hat Hyundai nicht revolutioniert, sondern an den richtigen Stellen nachgebessert.

Zwei 12,3-Zoll-Bildschirme bilden weiterhin die digitale Zentrale, das aktuelle Connected Car Navigation Cockpit ermöglicht OTA-Updates. Neu gestaltet wurden unter anderem Lenkrad und Mittelkonsole. Vor allem aber hat Hyundai offenbar verstanden, dass nicht jede Funktion dadurch moderner wird, dass man sie hinter einer Displayoberfläche versteckt. Für Sitzheizung, Sitzbelüftung und wichtige Fahrzeugfunktionen gibt es wieder unmittelbar erreichbare Bedienelemente. Das klingt im Jahr 2026 beinahe rückwärtsgewandt und ist gerade deshalb erfreulich.

Die N Line sorgt zudem dafür, dass der ansonsten eher sachliche Innenraum etwas Charakter bekommt. In unserem Testwagen gibt es Sportsitze in Leder und Alcantara mit roten Kontrastnähten, schwarzen Alcantara-Dachhimmel, BOSE-Soundsystem, Head-up-Display, elektrische und belüftete Vordersitze sowie Sitzheizung auch auf den äußeren Fondplätzen.

Die Verarbeitung wirkt sauber, die Materialauswahl hochwertig.

Ein paar Eigenheiten bleiben. Die Fensterheber sitzen weiterhin auf der Mittelkonsole. Und unser Testwagen besitzt die optionalen digitalen Außenspiegel. Deren Kamerabilder werden auf Displays an den äußeren Enden des Armaturenbretts dargestellt. Technisch interessant, ergonomisch zumindest gewöhnungsbedürftig. Für 1.390 Euro Aufpreis sollte ihr tatsächlicher Mehrwert deshalb während eines längeren Tests noch genauer untersucht werden.

Viel Platz – mit einer aerodynamischen Rechnung

Mit 4,935 Metern Länge ist die N Line ein stattliches Auto. Entscheidender ist allerdings der Radstand von 2,95 Metern. Weil zwischen den Achsen kein Verbrennungsmotor und keine Kardanwelle untergebracht werden müssen, entsteht insbesondere im Fond eine Beinfreiheit, die deutlich über dem liegt, was die äußere Silhouette zunächst vermuten lässt.

Nur lässt sich Aerodynamik nicht überlisten. Die stark abfallende Dachlinie fordert hinten ihren Tribut bei der Kopffreiheit, und große Passagiere sitzen wegen des Batteriepakets im Fahrzeugboden mit relativ stark angewinkelten Beinen.

Der Kofferraum fasst 401 Liter, vorne kommen beim Allradmodell weitere 14,5 Liter hinzu. Für eine fast fünf Meter lange Limousine ist das ordentlich, aber keineswegs verschwenderisch.

800 Volt bleiben das eigentliche Pfund

So auffällig der IONIQ 6 aussieht: Seine vielleicht überzeugendste Eigenschaft sieht man ihm nicht an.

Die E-GMP-Plattform arbeitet mit 800-Volt-Technologie. Unter geeigneten Bedingungen nennt Hyundai für den Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent rund 18 Minuten. Gerade auf langen Strecken ist nicht allein die maximale Reichweite entscheidend, sondern wie schnell sich weitere Kilometer nachladen lassen. Die N Line mit 325 PS bezahlt ihren sportlicheren Auftritt allerdings mit etwas Effizienz. Hyundai gibt für sie auf 20 Zoll 15,9 kWh/100 Kilometer und 570 Kilometer WLTP-Reichweite an. Derselbe 84-kWh-Allradantrieb erreicht mit 18-Zoll-Bereifung nominell 650 Kilometer. Im Testbetrieb konnten wir rund 16,2 kWh/100km nahe an die WLTP-Werte herankommen, vor allem die Effizienz beim Rekurrieren bergab weiß zu überzeugen.

80 Kilometer Unterschied innerhalb derselben technischen Basis sind durchaus bemerkenswert. Die größeren Räder und die sportlichere Auslegung haben damit einen messbaren Preis.

Der interessantere IONIQ 6?

Nach dem IONIQ 6 N wirkt die N Line auf dem Papier zwangsläufig wie ein deutlicher Rückschritt. Auf der Straße relativiert sich dieser Eindruck schnell. 325 PS reichen vollkommen. Der Allradantrieb sorgt für Traktion, die 84-kWh-Batterie für brauchbare Reichweite, die 800-Volt-Architektur für sehr kurze Ladestopps. Gleichzeitig bekommt man einen IONIQ 6, der optisch erheblich näher am N liegt, ohne dessen kompromisslose Performance-Ausrichtung mit sich herumzutragen.

Unser Testwagen kostet regulär 64.490 Euro. Mit Schiebedach und digitalen Außenspiegeln kommen weitere 2.380 Euro hinzu; im vorliegenden Angebot wurde das Fahrzeug nach den damals geltenden Aktionsboni mit 56.370 Euro ausgewiesen.

Nach dem ersten Kennenlernen zeichnet sich deshalb bereits eine interessante Rollenverteilung ab: Der IONIQ 6 N ist ohne Zweifel der spektakulärere Hyundai. Die N Line ist möglicherweise der IONIQ 6, mit dem man lieber jeden Tag unterwegs ist.

Und das ist für ein Auto, das Sportlichkeit mit Langstreckentauglichkeit und Effizienz verbinden will, vermutlich das größere Kompliment.

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