Chinas dynamischster Aufsteiger im Praxistest: Wie viel Substanz steckt hinter dem rasanten Markterfolg?
Prolog: Der Kontext einer tektonischen Verschiebung
Die globale Automobilindustrie erlebt eine Neujustierung der Kräfteverhältnisse. Während etablierte europäische Hersteller mit hohen Produktionskosten und zäher Software-Transformation ringen, belegen Newcomer aus Fernost die Märkte mit wachsender Taktfrequenz. Mit an vorderster Front: Leapmotor.
Gegründet Ende 2015 in Hangzhou, hat sich das Unternehmen binnen eines Jahrzehnts zum absatzstärksten reinen Elektrofahrzeug-Start-up Chinas entwickelt. Im Juli gelang der Marke mit über 100.000 weltweit ausgelieferten Einheiten innerhalb eines einzigen Monats ein historischer Rekordwert. Dass Leapmotor nun auch in Europa Fuß fasst, ist kein Zufallsprodukt, sondern Teil einer industriellen Allianz: Der Vielmarken-Konzern Stellantis sicherte sich rund 20 Prozent an dem Unternehmen und hält 51 Prozent am gemeinsamen Export- und Vertriebs-Joint-Venture Leapmotor International.
Das Modell, das dieses Bündnis im volumenstarken Kompakt-SUV-Segment etablieren soll, ist der Leapmotor B10. Auf einer über 750 Kilometer langen Testdistanz durch Kärnten – inklusive anspruchsvoller Passagen über die Nockalmstraße und Abstechern in die Alpe-Adria-Region – musste die Topversion Design ProMax beweisen, ob die handfesten Qualitäten auf dem Asphalt mit den geschäftlichen Erfolgszahlen Schritt halten können.

Das Wettbewerbsumfeld: Gegen wen der B10 antritt
Im heiß umkämpften C-Segment trifft der Leapmotor B10 auf eine breit aufgestellte Phalanx europäischer wie asiatischer Platzhirsche:
- Die europäischen Benchmark-Modelle:
- Škoda Elroq / VW ID.4: Der Elroq gilt als europäischer Maßstab für ausgewogene Fahrdynamik und markentypische Cleverness.
- Konzern-Geschwister aus dem Hause Stellantis (z. B. Peugeot E-3008, Opel Grandland Electric): Sie bieten aufwendigere Cockpit-Architekturen.
- Die asiatischen & chinesischen Rivalen:
- Kia EV3: Der koreanische Reichweitenkönig glänzt mit bis zu 605 km WLTP-Reichweite und 7 Jahren Garantie, kostet bei vergleichbarer Ausstattung jedoch mehr.
- BYD Atto 3 / Atto 3 Evo: Der direkte chinesische Konkurrent punktet mit solider Blade-Batterie.
- Smart #3: Setzt auf ein sportlicheres Crossover-Design und höhere Endgeschwindigkeit, bietet aber spürbar weniger Nutzwert im Fond.
Karosserie, Raumökonomie und Verarbeitungsqualität
Mit einer Außenlänge von 4.515 Millimetern, einer Breite von 1.885 Millimetern und einer Höhe von 1.655 Millimetern reiht sich der B10 passgenau in die Riege kompakter Familien-SUVs ein. Die Formensprache ist schnörkellos und aerodynamisch gezeichnet: Bündig versenkte Türgriffe, schmale LED-Lichtbänder und eine geglättete Frontmaske prägen das Erscheinungsbild.

| Technische Kennzahlen | Wert / Spezifikation |
|---|---|
| Plattform / Antrieb | Leap 3.5 Architektur, Heckantrieb (RWD) |
| Systemleistung | 160 kW (218 PS), 240 Nm Drehmoment |
| Batteriekapazität (netto) | 67,1 kWh (Lithium-Eisenphosphat / LFP) |
| Beschleunigung (0–100 km/h) | 8,0 SekundenP |
| Höchstgeschwindigkeit | 170 km/h |
| Ladeleistung (DC / AC) | Bis zu 168 kW Peak / 11 kW (3-phasig) |
| Ladezeit (30–80 % DC) | ca. 20 Minuten |
| Kofferraumvolumen | 420–1.300 Liter (+ 25 Liter Frunk) |
| Leergewicht / Zuladung | 1.845 kg / 435 kg |
Dank des Radstands von 2.735 Millimetern und dem Verzicht auf einen Mitteltunnel bietet der Innenraum eine hervorragende Raumausnutzung. Vor allem im Fond genießen selbst großgewachsene Passagiere überdurchschnittliche Knie- und Kopffreiheit. Das Gepäckabteil fasst 420 Liter, lässt sich dachhoch auf bis zu 1.300 Liter erweitern und wird durch einen 25-Liter-Frunk unter der Fronthaube für das Ladekabel ergänzt.
Die Materialauswahl überrascht positiv: Die Oberflächen aus tierfreiem Kunstleder (TechnoLeather) fassen sich geschmeidig an, generell ist die Materialanmutung sehr hoch, Spaltmaße und Verarbeitungsqualität präsentieren sich speziell im Preis-Leistungsverhältnis ebenso hochwertig.
Bedienkonzept, Infotainment und Serienausstattung
Das Cockpit folgt der Maxime des modernen Minimalismus: Nahezu sämtliche Funktionen werden über das zentrale 14,6-Zoll-Touchdisplay (2.5K-Auflösung) gesteuert. Angetrieben von einem Qualcomm Snapdragon 8155-Prozessor, reagieren die Menüs ohne wahrnehmbare Latenzen. Hinter dem griffigen Zweispeichen-Lenkrad liefert ein 8,8-Zoll-Instrumenten-Display alle fahrrelevanten Basisdaten.
Smartphone-Integration via Apple CarPlay und Android Auto steht kabellos zur Verfügung. Die Serienausstattung der Toplinie Design ProMax lässt kaum Wünsche offen:
- Elektrisch verstellbare, beheizbare und belüftete Vordersitze
- Großflächiges Panorama-Glasdach mit serienmäßigem elektrischem Sonnenrollo
- 360-Grad-Umfeldkamera mit Birdview-Perspektive
- 12-Lautsprecher-HiFi-Soundsystem und 64-Farben-Ambientebeleuchtung
- Umfassendes Assistenzpaket (17 ADAS-Funktionen, Level 2)

Fahrdynamik und Fahrkomfort im Härtetest
Auf den Kehren und Steigungen der Nockalmstraße offenbarte der B10 seine fahrwerkstechnische Grundabstimmung:
1. Traktion und Wendigkeit
Der Heckantrieb (RWD) erweist sich auf Bergauf-Passagen als klarer Vorteil: Beim Herausbeschleunigen aus engen Spitzkehren verlagert sich die Achslast dynamisch nach hinten. Der B10 baut selbst auf feuchtem Asphalt saubere Traktion auf; die Lenkung bleibt frei von Antriebseinflüssen. Weil die Vorderachse nicht durch Antriebswellen limitiert wird, erlaubt die Lenkgeometrie einen Radeinschlag, der zu einem Wendekreis von nur 10,7 Metern führt – ein Manövriervorteil in engen Kehren und beim Einparken.
2. Federung und Fahrwerkscharakter
Die Fahrwerksabstimmung – an der Ingenieure des Stellantis-Konzerns feilten – ist unmissverständlich auf hohen Komfort ausgelegt. Querfugen, geflickte Teerbeläge und metallene Weideroste auf den Pässen werden vom Fahrwerk wirkungsvoll geschluckt. Bei forcierter Gangart neigt sich die Karosserie jedoch spürbar zur Seite: Der B10 ist kein Kurvenjäger wie ein Cupra Tavascan, sondern ein kompromissloser Langstrecken-Gleiter.
3. Lenkung und Fahrmodi
Die Servolenkung lässt sich in drei Stufen justieren. In der Komfort-Stellung agiert sie extrem leichtgängig, wirkt jedoch synthetisch entkoppelt. Im Sport-Modus strafft sich die Kennlinie spürbar: Sie liefert zwar nicht die chirurgische Rückmeldung sportlicher Konkurrenten, führt das SUV aber zielgenau über die Passstraßen.
Der 160-kW-Permanentmagnetmotor (218 PS / 240 Nm) beschleunigt den Wagen in 8,0 Sekunden auf 100 km/h. Während die Leistungsentfaltung im Eco– und Comfort-Modus betont sanft einsetzt, spricht das Triebwerk im Sport-Modus direkt auf jeden Gasbefehl an.

Verbrauch, Rekuperation und Ladeperformance
Auf der über 750 Kilometer langen Testrunde bewies das Thermomanagement und der Antriebsstrang eine beachtliche Effizienz:
- Realverbrauch im Test: Über die gesamte Distanz (Mix aus Stadt, zügiger Landstraße, Kärntner Passstraßen und Autobahn) ermittelte der Bordcomputer einen Gesamtdurchschnitt von 14,0 kWh auf 100 Kilometer. Angesichts von Fahrzeuggröße und Leergewicht ein hervorragender Wert.
- Rekuperation: Bergabfahrten nutzte das System effektiv zur Energierückgewinnung; die Verzögerungswirkung lässt sich fein dosieren und schont die Bremsen.
- DC-Schnellladen: An der Hypercharger-Säule verifizierte das Testfahrzeug die Werksangaben punktgenau. Die Ladeleistung stieg rasch auf die avisierten 167 bis 168 kW Peak an. Der Ladehub von 30 auf 80 Prozent State-of-Charge (SoC) war in knapp 20 Minuten vollzogen.
Kritikpunkte im Testbetrieb
- Fahrerassistenzsysteme (ADAS): Die werkseitige Abstimmung des aktiven Spurhalteassistenten und der Aufmerksamkeitswarnung agiert bisweilen zu hemdsärmelig und überempfindlich. Eine sanftere Regelung per Over-the-Air-Update ist wünschenswert.
- Kofferraum-Zuladung: Die maximale Zuladung von 435 kg setzt dem B10 bei voller Besetzung mit fünf Erwachsenen samt Urlaubsgepäck enge Grenzen.

Preis-Leistungs-Gefüge und Fazit
Mit einem Listenpreis von 33.900 Euro bzw. realen Marktpreisen zwischen 30.800 und 32.990 Euro für die vollausgestattete Design ProMax-Variante formuliert Leapmotor eine Kampfansage an die Konkurrenz. Zieht man in Österreich die E-Mobilitätsförderung von bis zu 5.400 Euro sowie den 0-%-Sachbezug für Dienstwagen heran, sinkt die Hürde in Preisregionen, in denen der Mitbewerb meist nur Einstiegsausstattungen oder kleinere Segmente bieten.
Das Urteil:
Der Leapmotor B10 Design ProMax entpuppt sich als recht ausgereiftes, alltagspraktikables, sparsames und praxisgerecht konzipiertes Elektro-SUV. Im Schulterschluss mit dem Servicenetz des Stellantis-Konzerns bringt er beste Voraussetzungen mit, das europäische Kompakt-SUV-Segment nachhaltig aufzumischen.



























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