Noch trägt er Tarnfolie, noch darf nicht alles über ihn erzählt werden. Doch eine erste Fahrt mit dem Nachfolger des VW ID.4 zeigt bereits, wohin sich Volkswagen mit seiner nächsten Elektro-Generation bewegen will. Dabei geht es um weit mehr als Reichweite und Leistung. Es geht um die Rückkehr zu einer vertrauten Markenidentität.
Es war eine der ungewöhnlicheren Möglichkeiten, ein neues Auto kennenzulernen. Im Rahmen des International Media Drive des neuen ID. Polo in Wien stand auch der Nachfolger des ID.4 für einen ersten Kontakt bereit. Noch vollständig getarnt, noch ohne offiziell kommunizierten Namen und nur für eine kurze „Covered Drive“-Runde. Dennoch reicht dieser erste Eindruck aus, um zu erkennen, dass sich bei Volkswagen derzeit einiges verändert.
Die erste Generation der ID.-Familie sollte den Aufbruch in eine neue automobile Ära möglichst deutlich sichtbar machen. Eigene Modellnamen, eine eigenständige Designsprache und ein stark digitalisiertes Bedienkonzept sollten demonstrieren, dass Elektromobilität etwas grundlegend Neues ist. Das war konsequent gedacht, schuf aber gleichzeitig eine Distanz zu jener Volkswagen-Welt, die über Jahrzehnte von Polo, Golf, Passat oder Tiguan geprägt worden war.
Beim Nachfolger des ID.4 als auch beim VW ID.Polo scheint Volkswagen diese Trennung nun bewusst aufzuheben.

Ein Elektroauto muss nicht wie ein Elektroauto aussehen
Chefdesigner Andreas Mindt nennt die neue Designsprache „Pure Positive“. Dahinter stehen die Begriffe Stabilität, Sympathie und jene von Volkswagen bewusst etwas augenzwinkernd als „Secret Sauce“ bezeichnete Zutat, die einem Auto einen unverwechselbaren Charakter geben soll. Volkswagen hat diese Philosophie inzwischen auch öffentlich als Basis seiner kommenden Modelle definiert.
Am getarnten ID.4-Nachfolger lässt sich davon naturgemäß noch nicht jedes Detail erkennen. Die Grundhaltung allerdings schon.
Die Front wirkt freundlich und weniger bemüht futuristisch. Die Proportionen erscheinen nach dem ersten Eindruck etwas gestreckter und niedriger als beim aktuellen ID.4. Vor allem mit den großen 21-Zoll-Rädern steht das Fahrzeug satt auf der Straße und vermittelt mehr Dynamik, ohne deshalb den praktischen SUV-Charakter aufzugeben.
Bemerkenswert ist dabei weniger ein einzelnes Designdetail als die grundsätzliche Abkehr von der Idee, ein Elektroauto müsse optisch zwangsläufig vom Rest der Modellpalette entkoppelt werden. Ein Volkswagen mit Elektromotor darf künftig offenbar wieder zuerst Volkswagen und erst danach Elektroauto sein.
Selbst klassische Türgriffe gehören wieder dazu.
Das klingt nach einer Nebensächlichkeit. Tatsächlich zeigt es recht gut, wie stark sich die Prioritäten verschoben haben. Nicht jede technisch mögliche Lösung ist automatisch jene, die im täglichen Umgang mit einem Auto den größten Nutzen bringt.

Die Rückkehr des Knopfes
Noch deutlicher wird dieser Ansatz im Innenraum.
Volkswagen reagiert auf eine Kritik, die sich durch die ersten Jahre der ID.-Modelle gezogen hat. Funktionen, die früher mit einem Handgriff erledigt wurden, wanderten auf Touchflächen oder in Bildschirmmenüs. Technisch modern war das zweifellos. Ergonomisch war es nicht immer ein Fortschritt.
Nun kehren haptische Bedienelemente zurück.
Das Multifunktionslenkrad erhält wieder physische Tasten, und auch wichtige Funktionen der Klimatisierung sollen wieder unmittelbar erreichbar sein. Diese Richtung verfolgt Volkswagen mittlerweile grundsätzlich bei seinen kommenden ID.-Modellen; physische Lenkradtasten sind bereits als Bestandteil des neuen Bedienkonzepts bestätigt.
Dahinter steckt eine bemerkenswert einfache Erkenntnis: Gute Digitalisierung zeichnet sich nicht dadurch aus, dass möglichst viele Funktionen auf einem Bildschirm verschwinden. Sie muss das Autofahren einfacher machen. Der Fahrer soll sich in ein Auto setzen und möglichst wenig darüber nachdenken müssen, wie es bedient wird.
Genau das war jahrzehntelang eine der großen Stärken von Volkswagen.
Auch die Namen sollen wieder Volkswagen werden
Zu dieser Rückbesinnung gehört noch ein weiterer Punkt: die Modellbezeichnungen.
Mit dem ID. Polo hat Volkswagen bereits begonnen, die bisherige Nummerierungslogik seiner Elektroautos aufzubrechen. Statt ein weiteres anonymes Kürzel zu schaffen, nimmt man einen der bekanntesten Modellnamen der Marke mit in die elektrische Zukunft.
Es wäre deshalb nur konsequent, diesen Weg auch beim Nachfolger des ID.4 fortzusetzen. Welchen Namen er tatsächlich tragen wird, darf derzeit noch nicht kommuniziert werden. Die Richtung ist allerdings interessanter als die konkrete Bezeichnung: Elektroautos sollen nicht länger als separate Welt neben den klassischen Volkswagen stehen.
Sie werden Teil derselben Familie.
Das bedeutet auch, dass Verbrenner, Hybrid und Elektroantrieb künftig durchaus parallel existieren können, ohne dass deshalb jedes Antriebskonzept eine eigene Markenidentität benötigt. Volkswagen selbst beschreibt diese Strategie inzwischen unter dem Leitgedanken „True Volkswagen“ und kündigt für 2026 eine umfangreiche elektrische Modelloffensive an.

Drei Leistungsstufen
Technisch wird der neue elektrische Mittelklasse-SUV in drei Leistungsvarianten angeboten. Nach dem derzeit kommunizierbaren Stand reichen sie von 140 kW über 210 kW bis zu 220 kW beim Allradmodell. Damit deckt Volkswagen ein breites Spektrum vom vernünftig motorisierten Familien-SUV bis zur leistungsstarken Allradversion ab.
Interessant ist vor allem ein anderer Wert: Die maximale Anhängelast steigt auf 2.000 Kilogramm. Gerade für ein SUV ist das weit mehr als eine Zahl im Datenblatt. Wer Wohnwagen, Pferdeanhänger oder größere Freizeitgeräte ziehen möchte, braucht keine theoretische elektrische Zukunft, sondern ein Auto, das dieselben Aufgaben übernehmen kann wie sein bisheriger Verbrenner.
Und genau dort entscheidet sich letztlich, wie selbstverständlich Elektromobilität tatsächlich werden kann.
Evolution statt elektrischer Sonderweg
Nach einer kurzen Fahrt mit einem noch stark getarnten Prototypen wäre es unseriös, bereits ein abschließendes Urteil über Fahrwerk, Komfort oder Fahrdynamik abzugeben. Dafür wird nach der vollständigen Freigabe noch genügend Zeit bleiben.
Interessanter ist momentan ohnehin etwas anderes.
Volkswagen scheint verstanden zu haben, dass der elektrische Antrieb nicht zwangsläufig einen Bruch mit allem erfordert, was davor funktioniert hat. Ein Auto darf digital sein und trotzdem Knöpfe besitzen. Es darf elektrisch fahren und trotzdem klassische Türgriffe haben. Es darf eine völlig neue technische Architektur nutzen und dennoch aussehen und sich anfühlen wie ein Volkswagen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses ersten Kontakts.
Die nächste Generation der Elektroautos aus Wolfsburg versucht nicht mehr mit aller Kraft zu beweisen, wie anders sie ist. Sie versucht wieder, selbstverständlich zu werden.
Und möglicherweise liegt gerade darin der größte Fortschritt.














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