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XPENG: Wenn künstliche Intelligenz laufen lernt

Mit dem humanoiden Roboter IRON beginnt XPENG die nächste Phase seiner Entwicklung. Eigene KI-Chips, eigene Grundlagenmodelle, Robotaxis und nun eine weitgehend automatisierte Roboterfertigung zeigen, dass sich das chinesische Unternehmen längst nicht mehr ausschließlich als Automobilhersteller definiert.

Als XPENG im Juli in München den neuen L03 präsentierte, stand zwar ein neues Elektroauto im Mittelpunkt. Mindestens ebenso interessant war allerdings, wie Chairman und CEO He Xiaopeng sein Unternehmen positionierte. Begriffe wie künstliche Intelligenz, VLA 2.0 und „Physical AI“ nahmen breiten Raum ein. Der L03 war dabei nicht nur neues Volumenmodell, sondern Träger einer technologischen Strategie, die erheblich weiter reicht als bis zum nächsten Elektroauto.

Keine zwei Monate später bekommt diese Strategie ein bemerkenswert konkretes Gesicht. Und zwei Beine.

Der humanoide Roboter IRON hat Anfang September nach Abschluss seiner Fertigung selbstständig die neu errichtete Produktionslinie von XPENG verlassen. Das Unternehmen hat damit den Schritt von Entwicklung und Prototypenbau in Richtung industrielle Fertigung vollzogen. Mehr als 80 Prozent der Kernprozesse in der neuen Anlage sind automatisiert, die Massenproduktion soll noch bis Ende 2026 beginnen. Erste kommerzielle Einsätze sind in XPENG-Verkaufszentren und auf eigenen Firmengeländen vorgesehen, ab 2027 sollen Markteinführung und Auslieferung in China sowie auf internationalen Märkten folgen. 

Das klingt zunächst nach einer Robotik-Geschichte. Tatsächlich erzählt IRON aber wesentlich mehr über XPENG.

Vom Autohersteller zum Physical-AI-Unternehmen

XPENG bezeichnet sich inzwischen selbst als „Physical AI Company“. Hinter dem Begriff steht eine klare technische Idee: Künstliche Intelligenz soll nicht nur Informationen verarbeiten oder Antworten generieren, sondern ihre physische Umgebung wahrnehmen, interpretieren, Entscheidungen treffen und diese unmittelbar in Bewegung umsetzen.

Beim Auto bedeutet das lenken, beschleunigen und bremsen. Beim humanoiden Roboter bedeutet es gehen, greifen, Gegenstände manipulieren und sich in einer für Menschen geschaffenen Umgebung zurechtfinden.

XPENG hat dafür in den vergangenen Jahren einen eigenen Technologie-Stack aufgebaut. Dazu gehören eigene KI-Chips, Grundlagenmodelle, Software, Steuerungssysteme und zunehmend auch die entsprechende Hardware. Genau diese gemeinsame technische Basis verbindet heute die intelligenten Serienfahrzeuge mit dem Robotaxi und dem humanoiden IRON. 

Und sie zeigt, wie breit XPENG inzwischen aufgestellt ist.

Der eigene Chip als Schlüssel

Eine zentrale Rolle spielt dabei der von XPENG selbst entwickelte Turing-AI-Chip. Er befindet sich inzwischen in Serienproduktion und wird nicht nur für Fahrzeuge verwendet, sondern bildet auch die Rechenbasis für Robotaxi und IRON. 

Im humanoiden Roboter arbeiten drei dieser Turing-Chips mit einer effektiven Rechenleistung von insgesamt 2.250 TOPS. Im Robotaxi sind es vier Chips mit bis zu 3.000 TOPS

TOPS steht für „Tera Operations per Second“, also Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Der Wert beschreibt die Größenordnung jener Rechenkapazität, die für KI-Anwendungen zur Verfügung steht. Er allein entscheidet noch nicht über die Leistungsfähigkeit eines Gesamtsystems, macht aber deutlich, welche Datenmengen unmittelbar im Fahrzeug oder Roboter verarbeitet werden können.

Beim Robotaxi müssen Kamerabilder ausgewertet, Verkehrsteilnehmer erkannt, Bewegungen prognostiziert und daraus innerhalb kürzester Zeit Fahrentscheidungen abgeleitet werden. Beim IRON kommt die Steuerung eines menschlich aufgebauten Körpers hinzu.

Der Roboter besitzt 76 Freiheitsgrade, davon jeweils 21 an jeder Hand. Drei Turing-Chips stellen die Rechenleistung bereit, um XPENGs Physical-AI-Grundmodell direkt auf dem Roboter laufen zu lassen. Komplexe Aufgaben sollen dadurch ohne Fernsteuerung ausgeführt werden können. Die lokale Datenverarbeitung reduziert gleichzeitig Latenzen und kann sensible Daten im System halten. 

Damit wird die eigene Chipentwicklung zu einem wesentlichen Teil der Unternehmensstrategie. XPENG entwickelt nicht nur die Anwendung, sondern zunehmend auch jene Rechenarchitektur, auf der diese Anwendung läuft.

Das Robotaxi fährt bereits voraus

Wie weit diese Strategie fortgeschritten ist, zeigt das Robotaxi.

Bereits im Mai lief in Guangzhou das erste serienproduzierte XPENG Robotaxi vom Band. Basis ist der GX, entwickelt für autonomes Fahren nach Level 4. Vier Turing-Chips stellen gemeinsam bis zu 3.000 TOPS bereit. XPENG verzichtet dabei auf LiDAR und hochauflösende Karten und setzt auf eine Pure-Vision-Architektur sowie das eigene VLA-2.0-Modell. 

VLA steht für „Vision-Language-Action“. Vereinfacht geht es darum, Wahrnehmung, Interpretation und Handlung innerhalb eines KI-Modells miteinander zu verbinden. Das System sieht eine Situation, interpretiert deren Bedeutung und leitet daraus eine Handlung ab.

XPENG hat für sein Robotaxi bereits Anfang 2026 die Genehmigung für öffentliche L4-Testfahrten in Guangzhou erhalten. Der Pilotbetrieb soll noch in der zweiten Jahreshälfte beginnen, Anfang 2027 strebt das Unternehmen einen vollständig autonomen Betrieb ohne Sicherheitsfahrer an. 

Der technologische Zusammenhang mit IRON ist unmittelbar: Das Robotaxi und der humanoide Roboter verwenden nicht nur Chips desselben Herstellers. XPENG bestätigt ausdrücklich, dass Robotaxi und IRON auf derselben VLA-2.0-Modellbasis aufbauen. 

900 Millionen Dollar für die nächste Wachstumsphase

Dass XPENG Robotics längst kein experimentelles Nebenprojekt mehr ist, zeigen auch die finanziellen Dimensionen.

Ende August sammelte die Robotik-Sparte in ihrer Finanzierungsrunde mehr als 900 Millionen US-Dollar ein. Die Post-Money-Bewertung liegt bei über 6,3 Milliarden Dollar. Laut XPENG handelt es sich um die bislang größte einzelne private Finanzierungsrunde in Chinas Bereich der sogenannten Embodied beziehungsweise Physical AI. Angeführt wurde sie von IDG Capital, beteiligt war Gaorong Ventures; Tencent und Alibaba kamen als strategische Investoren hinzu. XPENG selbst behält die Mehrheit an der Robotik-Sparte. 

Das Kapital soll ausdrücklich in Hardware- und Softwareentwicklung, Training der Physical-AI-Modelle, Datengewinnung, Produktionsanlagen und internationale Expansion fließen.

Interessant ist auch die wirtschaftliche Perspektive. XPENG erwartet bei den humanoiden Robotern aufgrund hoher technologischer Eintrittsbarrieren und begrenzter Verfügbarkeit entsprechender Produkte eine deutlich höhere Bruttomarge pro Einheit als bei New-Energy-Vehicles. Die Robotik wird damit ausdrücklich als zweite Wachstumskurve neben dem Automobilgeschäft aufgebaut. 

Acht Jahre Entwicklung vor dem ersten Schritt vom Band

Der Zeitpunkt ist dabei keineswegs spontan gewählt. Dem aktuellen IRON gingen laut XPENG acht Jahre Forschung und insgesamt acht Generationen vier- und zweibeiniger Roboter voraus.

Jetzt kommt eine Fähigkeit ins Spiel, die für die Kommerzialisierung mindestens ebenso wichtig ist wie spektakuläre Robotervideos: Industrialisierung.

XPENG überträgt Produktionsmethoden und Qualitätsprozesse aus dem Automobilbau auf die Robotik. Die neue Fertigung arbeitet in ihren Kernprozessen zu mehr als 80 Prozent automatisiert und ist von Beginn an auf steigende Stückzahlen ausgelegt. 

Der erste Einsatz des IRON wird deshalb auch bewusst unspektakulär sein. XPENG plant zunächst Anwendungen in eigenen Verkaufszentren und auf Unternehmensgeländen – etwa als Begleitung bei Führungen, bei der Unterstützung von Kunden oder bei Patrouillen. Dort lassen sich Abläufe kontrollieren, Daten sammeln und Systeme kontinuierlich weiterentwickeln.

Genau daraus soll ein Kreislauf aus Daten, Modellen und realer Anwendung entstehen: Der Roboter arbeitet, produziert neue Daten, diese verbessern das Modell und das verbesserte Modell erweitert wiederum seine Einsatzmöglichkeiten. 

Ein technologisches Fundament für mehrere Produkte

Damit ergibt sich inzwischen ein bemerkenswert geschlossenes Bild.

Der L03 bringt die KI-Strategie in ein international vermarktetes Serienauto und wurde im Juli gleichzeitig in 65 Ländern und Regionen vorgestellt. 

VLA 2.0 bildet einen wesentlichen Teil der Softwarebasis.

Der selbst entwickelte Turing-Chip stellt die Rechenleistung bereit.

Das Robotaxi überträgt diese Technik auf autonomes Fahren nach Level 4.

IRON nutzt Turing-Chips und Physical-AI-Modelle für Bewegung und Interaktion in der realen Welt.

Und XPENG besitzt aus seinem Automobilgeschäft bereits Entwicklungsabteilungen, Einkauf, Lieferketten, Produktionsanlagen, Qualitätsmanagement sowie internationale Vertriebs- und Servicestrukturen.

Auch wirtschaftlich ist das Unternehmen inzwischen breiter aufgestellt. XPENG erzielte im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 19,74 Milliarden RMB und eine Bruttomarge von 20,7 Prozent. Mehr als 20.000 Fahrzeuge wurden im Quartal außerhalb Chinas ausgeliefert; 25 Prozent des Umsatzes im ersten Halbjahr kamen bereits aus Auslandsmärkten. 

Das ist für die Einordnung von IRON wesentlich. Der Roboter entsteht nicht in einem isolierten Start-up, das erst Produktion, Lieferketten und internationale Strukturen aufbauen muss. XPENG versucht, vorhandene industrielle Kompetenz auf eine neue Produktkategorie zu übertragen.

IRON ist deshalb mehr als ein Roboter

Als ich im Juli bei der L03-Präsentation in München war, wirkte der Begriff „Physical AI“ noch wie die technologische Klammer einer ambitionierten Zukunftsstrategie. Zwei Monate später lässt sich wesentlich konkreter beurteilen, was XPENG damit meint.

Der eigene KI-Chip ist in Produktion. VLA 2.0 wird ausgerollt. Das Level-4-Robotaxi ist fertig entwickelt und geht in den Pilotbetrieb. Für die Robotik stehen mehr als 900 Millionen Dollar zusätzliches Kapital bereit. Und IRON verlässt inzwischen selbstständig eine Produktionslinie, deren Aufbau bereits auf größere Stückzahlen ausgerichtet ist. 

XPENG baut damit systematisch Kompetenzen auf, die über das klassische Automobilgeschäft hinausreichen. Automobil, Robotik und Globalisierung bezeichnet das Unternehmen selbst als seine drei Wachstumskurven.

Der humanoide Roboter IRON ist deshalb nicht die Abkehr vom Automobil. Er ist das derzeit sichtbarste Produkt einer technologischen Basis, die XPENG ursprünglich rund um das intelligente Elektroauto aufgebaut hat – und nun für deutlich mehr nutzen will.

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