Bis zu 642 Kilometer, deutlich kürzere Ladezeiten und erstmals eine LFP-Batterie: Renault überarbeitet den Scenic E-Tech Electric technisch umfassend. Interessanter als die größere Reichweite könnte allerdings sein, wie konsequent der Franzose zum elektrischen Familien-Erstwagen reift.
Es gab eine Zeit, da war der Renault Scenic beinahe Synonym für das europäische Familienauto. Der Renault Espace, kein SUV, kein Lifestyle-Abenteuergerät, sondern ein Van: viel Platz auf überschaubarer Grundfläche, vernünftige Motoren, vernünftige Preise und genügend Ablagen für all jene Dinge, deren Existenz man erst bemerkt, wenn man Kinder hat.
Die Zeiten haben sich geändert. Der Van ist beinahe ausgestorben, der Scenic hingegen hat überlebt. Heute ist er 4,47 Meter lang, ausschließlich elektrisch und irgendwo zwischen Crossover und Familienlimousine angesiedelt. 2024 wurde er zu Europas „Car of the Year“ gewählt. Nun bekommt der Scenic E-Tech Electric eine Modellpflege, die erfreulicherweise weniger an Chromleisten als an Kilowattstunden arbeitet.
Denn Renault setzt genau dort an, wo es für ein Elektroauto, das tatsächlich als einziges Fahrzeug einer Familie funktionieren soll, relevant wird: bei Batterie, Reichweite und Ladezeit.

642 Kilometer – weil Reichweite eben doch zählt
Die neue Long-Range-Version erhält eine 89 kWh große NMC-Batterie und kommt damit auf bis zu 642 Kilometer WLTP-Reichweite. Der Elektromotor leistet weiterhin 160 kW beziehungsweise 218 PS.
Das ist eine Ansage, zumal Renault dafür keinen zweieinhalb Tonnen schweren Elektro-Koloss auf die Straße stellt. Der Scenic bleibt bei rund 1.900 Kilogramm Fahrzeuggewicht und 4,47 Metern Länge. Für ein ausgewachsenes elektrisches Familienauto ist das inzwischen beinahe schon wohltuend zurückhaltend.
Natürlich sind 642 Kilometer zunächst einmal WLTP-Kilometer. Auf der Autobahn, im Winter und mit voller Urlaubsbeladung werden daraus weniger. Aber wir bewegen uns inzwischen in einer Größenordnung, bei der die Diskussion langsam eine andere werden müsste.
Denn wie viel Reichweite braucht ein Familienauto tatsächlich?
600 Kilometer und mehr bedeuten nicht, dass man ohne Pause von Wien bis ans Meer fahren muss. Sie bedeuten vielmehr, dass nicht mehr die Batterie bestimmt, wann Pause gemacht wird.
Und das ist ein wesentlicher Unterschied.
Die spannendere Zahl lautet 28
Fast noch interessanter als die 642 Kilometer sind deshalb die 28 Minuten daneben.
Mit maximal 150 kW DC-Ladeleistung soll die 89-kWh-Batterie von 15 auf 80 Prozent in 28 Minuten geladen werden können. Renault hat damit die Schnellladezeit nach eigenen Angaben um rund 25 Prozent reduziert.
150 kW Spitzenleistung lösen im Jahr 2026 keine Ehrfurcht mehr aus. Einige Konkurrenten schreiben längst 200, 250 oder noch mehr Kilowatt in ihre technischen Daten.
Nur fährt niemand mit einer Spitzenladeleistung in den Urlaub.
Entscheidend ist, wie lange das Auto tatsächlich an der Säule steht. Wenn 65 Prozent einer 89-kWh-Batterie innerhalb von 28 Minuten nachgeladen werden können, wird aus der Ladestation zunehmend das, was sie für ein alltagstaugliches Elektroauto sein sollte: eine Reiseunterbrechung und kein Programmpunkt.
Genau hier liegt möglicherweise der wichtigere Fortschritt dieser Modellpflege.

Erstmals Scenic mit LFP-Batterie
Noch interessanter wird die Sache am anderen Ende des Angebots. Renault führt eine neue Comfort-Range-Version mit 67-kWh-LFP-Batterie ein. Sie kommt auf bis zu 467 Kilometer WLTP-Reichweite und soll von 15 auf 80 Prozent in 24 Minuten laden.
Dabei verwendet Renault eine Cell-to-Pack-Architektur mit 232 Zellen. Durch den Verzicht auf klassische Zwischenmodule lassen sich die Zellen dichter im Batteriegehäuse unterbringen; Renault spricht von einer Packing-Effizienz von 53 Prozent. Die maximale DC-Ladeleistung beträgt hier 165 kW.
Und genau diese Variante könnte für viele Kunden die vernünftigere sein.
Nicht jeder braucht 642 Kilometer Normreichweite. Wer täglich 50 oder 80 Kilometer fährt, zuhause oder am Arbeitsplatz laden kann und nur einige Male pro Jahr auf große Reise geht, schleppt mit einer überdimensionierten Batterie ansonsten das ganze Jahr zusätzliche Kapazität mit sich herum.
Die interessante Entwicklung der Elektromobilität könnte deshalb künftig weniger darin bestehen, jedem Auto einen möglichst großen Akku einzubauen, sondern endlich wieder unterschiedliche technische Lösungen für unterschiedliche Nutzungsprofile anzubieten.
4,47 Meter statt elektrischer Größenwahn
Dazu passt, dass Renault den Scenic nicht unnötig aufgeblasen hat. 4,47 Meter Länge sind familienfreundlich, ohne im Parkhaus bereits nach Nutzfahrzeug auszusehen. Der Kofferraum bietet 545 Liter Volumen.
Wer für den Urlaub mehr braucht, bekommt nun sogar eine Aero Cargo Box für die Anhängerkupplung. Sie bietet weitere 310 Liter Stauraum und soll die Reichweite deutlich weniger beeinflussen als eine klassische Dachbox.
Das klingt zunächst nach einer Nebensächlichkeit, zeigt aber, wie sehr sich mit dem Elektroauto auch klassische Zubehörlösungen verändern müssen. Eine große Box auf dem Dach war bei einem Verbrenner vor allem ein Thema des Mehrverbrauchs. Beim Elektroauto wird aus schlechter Aerodynamik unmittelbar verlorene Reichweite.
Also wandert das Gepäck dorthin, wo es dem Fahrtwind weniger im Weg steht.
Manchmal kann Fortschritt erstaunlich pragmatisch sein.

Auch der Scenic wird aufmerksamer
Renault nutzt die Modellpflege außerdem für eine Überarbeitung der Assistenzsysteme. Adaptive Geschwindigkeitsregelung und Active Driver Assist erhalten eine Multi-Target-Funktion, die mehrere Fahrzeuge gleichzeitig verfolgen kann und dadurch Verkehrssituationen wie einscherende oder verzögernde Fahrzeuge früher erkennen soll.
Der Nothalteassistent kann das Auto bei ausbleibender Reaktion des Fahrers nun vollständig zum Stillstand bringen. Eine vorausschauende Eco-Driving-Funktion berücksichtigt Karteninformationen über Kreisverkehre, Kurven und Kreuzungen und soll damit laut Renault den Energieverbrauch um bis zu sechs Prozent reduzieren können.
Eine Innenraumkamera überwacht Müdigkeit und Ablenkung, erkennt zugleich aber auch den Fahrer und kann dessen persönliche Einstellungen automatisch laden. Dazu gehören Sitzposition, Navigation, Multimedia und Ambientebeleuchtung.
Neu ist außerdem ein Smart-Modus für MULTI-SENSE. Das Fahrzeug entscheidet dabei selbstständig zwischen Eco, Comfort und Sport – effizient im Stadtverkehr, spontaner beim Überholen.
Innenraum: behutsam statt neu erfunden
Optisch hält sich Renault erfreulich zurück. Der Scenic ist noch jung genug, um nicht bereits wieder ein neues Gesicht zu benötigen.
In der Techno-Ausstattung gibt es neue Sitzbezüge aus PET-Stoff mit einem Garnanteil von mehr als 95 Prozent Recyclingmaterial. Die Sitze selbst wurden hinsichtlich Komfort und Unterstützung überarbeitet.
Esprit Alpine bekommt neue „Spectral Titanium“-Dekore, Iconic bleibt mit zwei unterschiedlichen Interieurwelten im Programm. Außen kommen Schiefer-Blau matt und Exo-Galaxy Grau hinzu, außerdem neue 19- und 20-Zoll-Räder.
Gebaut wird der Scenic weiterhin im französischen Douai. Dort erfolgt auch die Batteriemontage, während die Zellen aus Polen kommen. Der Elektromotor wird in Cléon in der Normandie gefertigt.

Ab 43.490 Euro
Interessant wird schließlich die Preisgestaltung.
Der Scenic E-Tech Electric Comfort Range mit 67-kWh-LFP-Batterie startet in Österreich bei 43.490 Euro, die Bestellöffnung erfolgt allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt. Der bereits bestellbare Long Range mit 89-kWh-NMC-Akku beginnt bei 46.490 Euro.
Gerade einmal 3.000 Euro liegen damit zwischen 467 und 642 Kilometer WLTP-Reichweite.
Das macht die Entscheidung ungewöhnlich spannend. Der Long Range erscheint angesichts des relativ geringen Aufpreises attraktiv, insbesondere für Vielfahrer. Gleichzeitig stellt die LFP-Version eine Frage, die beim Elektroauto viel zu selten gestellt wird: Muss es tatsächlich immer die größte Batterie sein?
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität des überarbeiteten Scenic.
Renault versucht nicht, aus einem Familienauto ein technologisches Schaustück zu machen. Der Scenic soll Platz bieten, vernünftig mit Energie umgehen, auf der Langstrecke weit genug fahren und anschließend schnell genug wieder weiterkommen.
Das klingt wenig spektakulär.
Es ist aber ziemlich genau das, was einst schon den ersten Scenic erfolgreich gemacht hat: Er wollte nicht das aufregendste Auto seiner Zeit sein. Sondern eines, das zum Leben seiner Besitzer passte.
Und vielleicht ist genau diese alte Scenic-Idee im Elektrozeitalter aktueller denn je.















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