MOTORWELT

Die Alpin-Erprobung: Wie viel Elektro steckt im BYD ATTO 2 DM-i?

1. Das Konzept: Ein Elektroauto mit bordeigenem Kraftwerk

Wer die Diskussionen um die Elektromobilität der vergangenen Jahre verfolgt hat, kennt die bekannten Vorbehalte: Reichweitenangst auf der Langstrecke, zähe Ladehalte an Autobahnen und die Sorge vor kältebedingten Kapazitätseinbrüchen. Der chinesische Branchenriese BYD begegnet diesen Bedenken im B-SUV-Segment nicht allein mit rein elektrischen Batteriefahrzeugen, sondern schickt mit dem ATTO 2 DM-i seine neueste Ausbaustufe der Dual Mode-Technologie (DM 5.0) auf die Straße.

Auf dem Papier verspricht das 4,33 Meter lange Kompakt-SUV eine Systemleistung von 156 kW (212 PS), generiert aus einem 1,5-Liter-Vierzylinder-Saugbenziner (72 kW / 98 PS) und einem 145 kW (198 PS) starken permanenterregten Synchron-Elektromotor. Gespeist wird der elektrische Hauptantrieb von einer 18,0-kWh-Blade-Batterie auf Lithium-Eisenphosphat-Basis (LFP). Zusammen mit dem 45 Liter fassenden Kraftstofftank soll das System im WLTP-Zyklus eine theoretische Gesamtreichweite von bis zu 1.000 Kilometern ermöglichen.

Doch was bedeuten diese Werksangaben im anspruchsvollen automobilen Alltag? Ein Härtetest über 913 Kilometer – vom Kärntner Unterland über deutsche Autobahnen bis hin zu steilen Tiroler Alpenpässen – sollte Klärung schaffen.

2. Die Testroute: Von Rosenheim über das Hahntennjoch nach Kärnten

Der Fahrplan des Praxistests war bewusst anspruchsvoll gewählt: Nach der Ausfahrt in Kärnten führte die erste Etappensequenz mit zügigem Autobahntempo (130 km/h mit gewohnter Reisemarken-Toleranz) gen Norden über Rosenheim und weiter entlang des Achensees zur bekannten Erlebnisregion Area47 im Ötztal. Am Achensee erfolgte die erste Zwischenbetankung für moderate 65 Euro.

Nach einem zweitägigen Aufenthalt stand der Arbeitsbesuch beim regionalen BYD-Vertragspartner Autohaus Goidinger in Imst auf der Agenda – eine wertvolle Gelegenheit, um im Gespräch mit dem Traditionshändler Stimmungen zu Marktchancen, Serviceinfrastruktur und der Kundenakzeptanz chinesischer Fahrzeuge in Österreich einzuholen.

Im Anschluss folgten intensive Fotofahrten: Zweimal ging es die Kehren des Hahntennjochs hinauf, bevor die Rückreise über Kitzbühel und die dramatische Kulisse der Felbertauernstraße zurück nach Kärnten angetreten wurde.

3. Antriebsanalyse: Die Arbeitsweise des DM 5.0-Systems

Im hochalpinen Geländeprofil zeigte sich die ausgeklügelte Systemlogik der BYD-Leistungselektronik. Anders als klassische europäische Parallel-Hybride priorisiert das DM-i-Konzept fast durchgehend den elektrischen Antrieb.

Die Betriebsmodi im alpinen Praxistest

  • Intelligentes Batteriemanagement (20–60 % SOC): Das Steuergerät hielt den Ladezustand (State of Charge) über den motorgekoppelten Generator selbst unter Last konstant in einem Korridor zwischen 20 und 60 Prozent. Dadurch stand für Zwischensprints, Überholvorgänge oder steile Steigungen an der Paßstraße zu jedem Zeitpunkt das volle Drehmoment der E-Maschine bereit.
  • Ortsgebiet & Schwachlast (Elektro-Modus): Bei der Durchfahrt von Ortschaften wie Imst sowie im städtischen Stop-and-Go bewegte sich der ATTO 2 ausnahmslos leise und rein elektrisch. Die Ansprache des E-Motors erfolgt gewohnt verzögerungsfrei.
  • Autobahn-Direktantrieb (Seriell-Paralleler Wechsel): Bei Richtgeschwindigkeit 130 km/h auf der Autobahn schließt eine hydraulische Trennkupplung: Der 1,5-Liter-Benziner treibt die Vorderräder nun direkt im effizientesten thermischen Fenster an. Die E-Maschine arbeitet in diesem Zustand primär im Leerlauf oder unterstützt bei Spitzenlast.
  • Bergwertung & Rekuperation: Am Hahntennjoch spielten Verbrenner und Elektromotor bei Volllast zusammen, um die vollen 212 PS Systemleistung abzurufen. Bei der anschließenden Bergabfahrt überzeugte die Wirkungsweise der kinetischen Energierückgewinnung (Rekuperation), die spürbar Bremsverschleiß minimierte und wertvolle Kilowattstunden in den Akku zurückspeiste.

4. Effizienz- und Verbrauchsauswertung

Auf der 742 Kilometer langen Hauptetappe zwischen den Tankstopps verlangte der ATTO 2 DM-i nach exakt 41,7 Litern Superbenzin (bei einem Tankvolumen von 45 Litern). Das entspricht an der Zapfsäule einer Rechnungssumme von 77,00 Euro.

KennzahlGemessener Praxiswert
Absolvierte Gesamtdistanz (Testfahrt)913 km
Etappenlänge bis zur Hauptbetankung742 km
Nachtankmenge41,7 Liter
Tatsächlicher Durchschnittsverbrauch5,63 L / 100 km
Reale Gesamtreichweite (Praxis)ca. 800 bis 850 km

Ein Realverbrauch von 5,63 Litern je 100 Kilometer über ein Streckenprofil mit schnellen Autobahnetappen und zwei Passfahrten stellt für ein Fahrzeug dieser Leistungsklasse einen hervorragenden Effizienzwert dar. Die versprochene 1.000-Kilometer-Marke bleibt zwar extrem optimierten Verhältnissen im reinen Stadt- und Überlandbetrieb vorbehalten, im realen Reiseverkehr erweist sich der Wagen jedoch als gelassener Dauerläufer mit 800 bis 850 Kilometern Aktionsradius.

5. Fahrwerk, Komfort & Assistenzsysteme

In der fachjournalistischen Berichterstattung wird das Fahrwerk des ATTO 2 gelegentlich als spürbar stramm oder trocken an der Hinterachse beschrieben. Im alpinen Kurvengeschränk erweist sich diese Abstimmung jedoch als echte Stärke:

  • Fahrdynamik: Die straffe Dämpfung unterbindet Wankneigungen der Karosserie in schnell aufeinanderfolgenden Wechselkurven wirkungsvoll. Der Wagen bleibt auch bei dynamischer Passfahrt neutral und präzise auf Kurs.
  • Geräuschniveau: Die Akustikdämmung ist gelungen. Der Verbrennungsmotor hält sich selbst im Seriell-Modus unter Last im Hintergrund und drängt sich akustisch nicht in den Vordergrund.
  • Fahrerassistenz (ADAS): Ein Punkt fürs digitale Pflichtenheft bleibt die Regelabstimmung der Sicherheitsassistenten. Die Spurhalte- und Tempowarner agieren nach europäischen Maßstäben recht bevormundend. BYD erlaubt zwar das Ablegen von Schnellzugriffen (Shortcuts) auf dem 12,8-Zoll-Touchscreen zur schnellen Deaktivierung, diese Einstellungen müssen jedoch nach jedem Systemneustart erneut vorgenommen werden.

6. Fazit: Ein gereifter Vertreter der B-SUV-Klasse

Der BYD ATTO 2 DM-i Boost hinterlässt nach dem Alpentest einen durchwegs ausgereiften Eindruck. Die Kombination aus lokal emissionsfreiem Fahrkomfort im Nahbereich und der souveränen Effizienz des Dual-Mode-Hybrids auf der Langstrecke macht das Fahrzeug zu einer vielseitigen Alternative im hart umkämpften Segment der kompakten Crossover-Fahrzeuge.

Wer ein wirtschaftliches, gut ausgestattetes und fahrwerksseitig verbindlich abgestimmtes Automobil sucht, findet im ATTO 2 DM-i ein überzeugendes Gesamtpaket, das chinesische Ingenieurskunst mit den Anforderungen europäischer Vielfahrer erfolgreich zusammenführt.

BYD ATTO 2 DM-i (Boost) – Technische Daten

KategorieSpezifikation
Antrieb & Leistung
AntriebskonzeptSuper-DM-i Plug-in-Hybrid (Seriell/Parallel,
Frontantrieb)
Systemleistung156 kW / 212 PS
Elektromotor145 kW (198 PS) / 300 Nm Drehmoment
Verbrennungsmotor1.5L 4-Zylinder Benziner (72 kW / 98 PS /
122 Nm)
Beschleunigung (0–100 km/h)7,5 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
Batterie, Laden & Reichweite
BatterietypBYD Blade Battery (LFP / Lithium-
Eisenphosphat)
Batteriekapazität18,0 kWh (netto)
Elektrische Reichweite (WLTP)bis zu 90 km (kombiniert) / bis zu 150 km
(Stadt)
Gesamtreichweite (Praxis / Werksangabe)800–850 km (Praxis-Test) / bis zu 1.000 km
(WLTP)
Ladeleistung AC (Wechselstrom)6,6 kW (1-phasig)
Ladeleistung DC (Gleichstrom)18 kW (CCS2, 15–80 % in ca. 35 min)
V2L-Funktion (Vehicle-to-Load)Ja, externer Stromausgang bis 3,3 kW
Verbrauch & Kapazitäten
Benzintank45 Liter
Kraftstoffverbrauch (WLTP gewichtet)1,8 L / 100 km
Kraftstoffverbrauch (Praxis Alpentest)5,63 L / 100 km (inkl. Autobahn 130 km/h &
Pässe)
Stromverbrauch (WLTP gewichtet)15,8 kWh / 100 km
Abmessungen & Gewichte
Länge × Breite × Höhe4.330 mm × 1.830 mm × 1.675 mm
Radstand2.620 mm
Kofferraumvolumen425 Liter (auf bis zu 1.335 Liter
erweiterbar)
Leergewicht / Zulässiges Gesamtgewicht1.620 kg / 2.110 kg
Anhängelast (gebremst / ungebremst)750 kg / 750 kg

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