MOTORWELT

Leapmotor: China kann auch Vertrieb

Bei der Präsentation des B03X in Málaga sprachen wir mit Österreich Markenchef Christian Bley über die Gründe für den schnellen Start, das Händlernetz, die Rolle von Stellantis und darüber, weshalb die anfängliche Skepsis gegenüber einer weiteren chinesischen Elektromarke erstaunlich schnell verschwunden ist.

Von Achim Mörtl/Malaga

Im ersten Teil unserer Serie über chinesische Automarken in Österreich haben wir uns ausführlich mit BYD beschäftigt. Nun bietet die internationale Präsentation des neuen Leapmotor B03X in Spanien den passenden Anlass, eine zweite Marke genauer zu betrachten. Nicht, weil mit dem B03X ein weiteres chinesisches Elektroauto nach Österreich kommt. Davon gibt es inzwischen genügend. Interessant ist vielmehr, was mit Leapmotor innerhalb erstaunlich kurzer Zeit passiert ist.

Die Marke ist erst seit Februar 2025 offiziell in Österreich vertreten. Im ersten, noch nicht vollständigen Verkaufsjahr wurden 848 Fahrzeuge zugelassen. Von Jänner bis August 2026 sind es bereits 1.929. Allein im August kamen 295 Neuzulassungen hinzu, 186 Prozent mehr als im August des Vorjahres. Der Marktanteil lag bei 1,4 Prozent.

Christian Bley, der das Österreich Geschäft von Leapmotor verantwortet, kann sich bis zum Jahresende zwischen 3.500 und 4.000 Fahrzeuge durchaus vorstellen. Vor einem Jahr wäre er mit einer solchen Prognose noch vorsichtiger gewesen, sagt er in Málaga. Inzwischen kann man durchaus mit solchen Gedanken spielen.

„Mittlerweile kann man das, glaube ich, wirklich erwarten. In den vergangenen drei Monaten lagen wir jeweils über einem Prozent Marktanteil, teilweise bei 1,4 oder 1,5 Prozent. In diese Richtung wollen wir bis zum Jahresende weitergehen.“

3.500 bis 4.000 Autos wären für eine Marke im ersten vollständigen Jahr auf dem österreichischen Markt ein bemerkenswerter Start. Vor allem deshalb, weil Leapmotor ausschließlich mit elektrifizierten Fahrzeugen antritt und der Aufbau des Modellprogramms noch längst nicht abgeschlossen ist. Bley verweist deshalb auf eine Zahl, die er selbst für aussagekräftiger hält als den Anteil am gesamten österreichischen Pkw Markt.

„Wenn wir nur den BEV Markt betrachten, liegen wir aktuell jeden Monat zwischen vier und fünf Prozent. Das heißt, dass Leapmotor im Elektrosegment wirklich angenommen wird.“ Damit ist die Ausgangslage ziemlich klar. Die interessante Frage lautet nicht mehr, ob Leapmotor in Österreich erste Kunden findet. Es geht darum, weshalb es so schnell gelungen ist.

Vom T03 zum fünften Modell

Als Leapmotor 2025 in Österreich startete, war das Angebot überschaubar. T03 und C10 bildeten den Anfang. Danach kam der B10, im Sommer dieses Jahres der B05. Nun folgt der B03X. Die ersten Fahrzeuge seien bereits in der vergangenen Woche in Österreich eingetroffen und würden derzeit an die Händler verteilt, erzählt Bley. Damit könne der Verkauf praktisch unmittelbar beginnen.

Das erste Feedback aus dem Handel sei ausgesprochen positiv. Einen Fall nennt er besonders gerne, relativiert ihn allerdings im selben Satz.

„Wir haben einen Händler, der innerhalb einer Woche bereits elf Fahrzeuge verkauft hat. Das ist natürlich nicht überall so, aber es hat auch unsere Erwartungen übertroffen.“

Der B03X ist für Leapmotor wichtig, weil er die Marke in das B Segment bringt. Damit wird aus dem anfänglich kleinen Angebot zunehmend ein breiteres Modellprogramm.

„Wir sind letztes Jahr im A und D Segment gestartet, haben danach das C Segment erweitert und gehen jetzt mit dem B03X ins B Segment. Langsam entwickeln wir uns damit in Richtung Vollsortimenter.“

Fünf Modelle nach rund eineinhalb Jahren Marktpräsenz sind jedenfalls ein anderes Angebot als jenes, mit dem Leapmotor in Österreich begonnen hat.

Der Preis ist Teil des Konzepts

Der schnelle Ausbau allein erklärt die Zulassungen allerdings nicht. Leapmotor positioniert seine Fahrzeuge sehr bewusst über das Verhältnis von Preis, Ausstattung und Technologie. Dabei unterscheidet sich auch die Art, wie die Autos angeboten werden. Die Zahl der Varianten bleibt überschaubar, die Serienausstattung ist umfangreich. Vieles, was andernorts über Pakete oder Einzeloptionen konfiguriert wird, ist bereits enthalten.

Für den Käufer macht das vor allem den tatsächlichen Endpreis leichter nachvollziehbar.

Der neue B03X zeigt das recht gut. Mit 4,27 Metern Länge und 2,605 Metern Radstand tritt er als kompakter elektrischer Crossover an. Zur Wahl stehen LFP Batterien mit 39,8 und 53 kWh. Der Normverbrauch beträgt 15,5 beziehungsweise 15,7 kWh je 100 Kilometer. Dazu kommt eine umfangreiche Grundausstattung mit digitalem Cockpit, großem Zentraldisplay, LED Licht, sieben Airbags und zahlreichen Assistenzsystemen.

Leapmotor versucht damit nicht, über einen möglichst niedrigen nackten Einstiegspreis Aufmerksamkeit zu erzeugen. Interessant ist vielmehr, was zu diesem Preis bereits im Fahrzeug enthalten ist. Genau darin liegt derzeit eine der Stärken vieler chinesischer Hersteller. Die Kalkulation erfolgt anders, die Ausstattung wird anders gebündelt und die Entwicklungsgeschwindigkeit ist hoch. Für den europäischen Kunden wird daraus eine recht nüchterne Rechnung: Auto, Ausstattung, Reichweite, Preis.

Warum Stellantis wichtig ist

Bei Leapmotor kommt allerdings ein Punkt hinzu, der die Marke von vielen anderen chinesischen Newcomern unterscheidet.

Stellantis beteiligte sich 2023 mit rund 21 Prozent an Leapmotor. Für das internationale Geschäft gründeten beide Unternehmen Leapmotor International. Stellantis hält daran 51 Prozent, Leapmotor 49 Prozent. Für den österreichischen Markt ist weniger die Beteiligungsstruktur interessant als das, was daraus im täglichen Geschäft entsteht. Leapmotor kann so auf vorhandene Strukturen bei Vertrieb, Service, Logistik und Ersatzteilversorgung zurückgreifen.

Gerade dieser Punkt dürfte beim Aufbau einer unbekannten Marke nicht unterschätzt werden. Ein günstiger Preis und gute technische Daten reichen für einen Autokauf nur bis zu einem gewissen Punkt. Spätestens bei Werkstatt, Garantie und Ersatzteilversorgung möchte ein Kunde wissen, mit wem er es zu tun hat.

Bley sieht darin einen wesentlichen Vorteil.

„Stellantis bringt natürlich zusätzliche Sicherheit mit. Wenn es um Ersatzteilversorgung, Logistik oder Garantie geht, haben wir diese Strukturen im Hintergrund.“

Das klingt weniger spektakulär als eine neue Batteriechemie oder ein besonders großes Display. Für den Verkauf eines Autos ist es möglicherweise wichtiger.

Mehr als 40 Standorte in Österreich

Leapmotor verfügt mittlerweile über mehr als 40 Standorte in Österreich. Bis zum Jahresende sollen es ungefähr 45 werden.

Bley will die Zahl allerdings nicht beliebig erhöhen.

„Wir werden jetzt nicht einfach noch einmal 40 Partner dazu nehmen. Wir sind in jedem Bundesland gut vertreten. Es geht jetzt um einzelne Regionen, wo die Erreichbarkeit schwieriger ist, weil vielleicht ein Berg dazwischenliegt oder ein Standort in einem Tal fehlt.“

Das Ziel ist also weniger ein möglichst großes Händlernetz als eine vernünftige geografische Abdeckung. Auch europaweit ist Leapmotor mittlerweile an mehr als 1.000 Standorten vertreten. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Zusammenarbeit mit Stellantis. Eine junge Marke kann Produkte relativ schnell nach Europa bringen. Ein funktionierendes Netz aus Verkauf und Service lässt sich wesentlich schwerer importieren.

Die Händler mussten erst überzeugt werden

Interessant ist, wie Bley über die Stimmung innerhalb des Handels spricht. Denn vor dem Marktstart war keineswegs ausgemacht, dass eine weitere chinesische Elektromarke von den Händlern mit Begeisterung aufgenommen würde.

„Wenn ich eineinhalb Jahre zurückdenke, kurz vor dem Marktstart, waren viele noch ein bisschen verhalten. Da hieß es schon: Jetzt schauen wir einmal, wie sich Elektro entwickelt.“

Diese Zurückhaltung sei inzwischen weitgehend verschwunden.

„Heute ist das Mindset ein ganz anderes. Es ist überhaupt kein Thema mehr, dass man über Elektro spricht oder selbst Elektro fährt.“

Bley nennt in diesem Zusammenhang ausgerechnet die Mechaniker.

„Wir haben mittlerweile viele Mechaniker, die selbst Leapmotor fahren. Das freut mich besonders, weil ich immer sage: Das sind eigentlich die größten Kritiker.“

Für eine neue Marke ist das zumindest ein interessantes Indiz. Die Akzeptanz entsteht nicht mehr ausschließlich über Verkaufsvorgaben oder Marketing, sondern offenbar auch innerhalb jener Betriebe, die später für Service und Reparatur zuständig sind.

Bley spricht von einer „Aufbruchstimmung“, die inzwischen im Händlernetz zu spüren sei.

Auch die Vorbehalte gegenüber China werden kleiner

Parallel dazu beobachtet er eine Veränderung bei den Kunden. Die grundsätzliche Skepsis gegenüber chinesischen Herstellern nehme ab. Das lässt sich auch mit der Entwicklung des Marktes erklären. Chinesische Marken sind in Österreich längst keine theoretische Erscheinung mehr. BYD, MG, XPeng, Leapmotor und weitere Hersteller stehen im Handel und sind im Straßenbild angekommen. Der Kunde kann die Autos ansehen, fahren und vergleichen.

Bei Leapmotor kommt die Verbindung mit Stellantis hinzu. Der Kunde entscheidet sich für ein Fahrzeug eines chinesischen Herstellers, findet dahinter aber eine Vertriebs- und Serviceorganisation, die in Österreich bereits etabliert ist.

Genau hier unterscheidet sich Leapmotor auch von vielen anderen Anbietern, die zur Zeit neben BYD oder MG auf den österreichischen Markt drängen.

BYD und MG haben mit Denzel ebenso einen Vertriebsexperten und eine logistische Struktur dahinter, andere müssen ihre Präsenz weitgehend selbst aufbauen. Leapmotor nutzt auch für die internationale Expansion ganz bewusst die vorhandenen Strukturen von Stellantis.

Beide Wege können funktionieren. Für Leapmotor hat die zweite Variante einen offensichtlichen Vorteil: Geschwindigkeit.

4.000 Autos sind inzwischen ein realistisches Ziel

Noch ist Leapmotor in Österreich eine kleine Marke. Auch 1,4 Prozent Marktanteil ändern daran nichts. Interessant ist die Geschwindigkeit der Entwicklung. 2025 wurden 848 Fahrzeuge zugelassen. Nach acht Monaten des laufenden Jahres sind es bereits 1.929. Im reinen BEV Markt erreicht Leapmotor nach Angaben von Bley monatlich zwischen vier und fünf Prozent. Gleichzeitig wächst das Modellangebot auf fünf Fahrzeuge und das österreichische Händlernetz auf mehr als 40 Standorte.

Deshalb spricht Bley inzwischen offen von 3.500 bis 4.000 Neuzulassungen bis Jahresende.

Im vergangenen Jahr ging es noch darum, eine weitgehend unbekannte chinesische Marke in den Markt zu bringen. Heute geht es bereits darum, wie weit sie im ersten vollständigen Verkaufsjahr kommt. Die Präsentation des B03X in Málaga ist deshalb nur vordergründig eine weitere Modellpremiere, beginnt vielmehr für Leapmotor mit dem fünften Modell in Österreich die nächste Phase. Das Händlernetz steht, die Verkaufszahlen steigen und Stellantis liefert im Hintergrund jene Infrastruktur, die ein neuer Hersteller normalerweise erst aufbauen müsste.

Ob daraus langfristig eine relevante Volumenmarke wird, lässt sich nach eineinhalb Jahren noch nicht beantworten. Dass Leapmotor in Österreich schneller vorangekommen ist, als man es beim Marktstart erwarten konnte, dagegen schon.

Die 3.500 bis 4.000 Fahrzeuge, mit denen Christian Bley für 2026 rechnet, wären dafür ein ziemlich konkreter Beleg.

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