MOTORWELT

Peugeot Polygon – Peugeot blickt in die fahrdynamische Zukunft

Ich hatte bereits im vergangenen Herbst im Zuge der Präsentation des neuen Peugeot 308 in Lissabon die Möglichkeit, den Peugeot Polygon erstmals kennenzulernen. Vergangene Woche bot sich nun auch in Wien die Gelegenheit, das Fahrzeug tatsächlich zu fahren. Und genau dort wird klar: Der Polygon liefert nicht nur gestalterische Ansätze, sondern vor allem einen Ausblick darauf, wie Peugeot das Thema Fahrdynamik künftig denkt.

Steer-by-Wire und das sogenannte Hypersquare – also das rechteckige Lenkelement – sind dabei keine Randerscheinungen, sondern zentrale Bausteine einer neuen Bedienlogik.

Steer-by-Wire – was sich technisch verändert

Bei einer Steer-by-Wire-Lenkung entfällt die mechanische Verbindung zwischen Lenkeinheit und Vorderachse vollständig. Die Lenkeingabe wird elektronisch erfasst, im Steuergerät verarbeitet und über Aktuatoren an der Achse umgesetzt. Die Lenkung verlagert sich damit vom mechanischen System in die Software.

Technisch ist dieser Ansatz nicht neu. Neu ist jedoch die Konsequenz, mit der Peugeot ihn denkt. Die Lenkung wird hier nicht als Ersatz eines bestehenden Systems verstanden, sondern als Ausgangspunkt für eine neue Architektur.

copyright by ©Georg Krewenka

Hypersquare – die zentrale Bedieneinheit

In diesem Kontext ist das Hypersquare zu sehen. Es ersetzt nicht einfach das klassische Lenkrad, sondern definiert die Interaktion neu.

Die rechteckige Form ist funktional begründet. Sie entspricht der reduzierten Lenkbewegung, die durch Steer-by-Wire möglich wird. Klassische Drehbewegungen entfallen, ein Umgreifen ist nicht mehr notwendig. Die Bewegung bleibt klein, die Handposition stabil, die Umsetzung unmittelbar.

Das Hypersquare ist damit kein Lenkrad im herkömmlichen Sinn, sondern ein präzises Eingabegerät. Gleichzeitig übernimmt es zusätzliche Funktionen. Bedienelemente sind direkt integriert, zentrale Fahrzeugfunktionen lassen sich über die vier Eckbereiche als Touchflächen individuell belegen und steuern.

Die Lenkung wird damit zur Bedienzentrale – nicht als Erweiterung, sondern als logische Konsequenz der neuen Architektur.

Technische Möglichkeiten und Vorteile

Mit der Entkopplung von Mechanik entstehen neue Freiheitsgrade:

  • variable Lenkübersetzung abhängig von Geschwindigkeit und Situation
  • anpassbare Charakteristik über Fahrprofile
  • gezielte Gestaltung der Rückmeldung
  • Filterung unerwünschter Einflüsse

Die Abstimmung verlagert sich damit in die Software. Die klassische mechanische Definition verliert an Bedeutung.

Ohne Steer-by-Wire wäre dieses Konzept nicht darstellbar. Und ohne ein Interface wie das Hypersquare würde Steer-by-Wire seine Möglichkeiten nicht vollständig ausspielen.

Fahreindruck – Reduktion auf das Wesentliche

Der Ersteindruck war naturgemäß von Spannung geprägt, zeigt jedoch bereits nach wenigen Metern, dass die Umstellung weniger Eingewöhnung erfordert als erwartet.

Gerade im engen Umfeld – wir fuhren in einer Halle zwischen Säulen – wird deutlich, wie die Lenkung arbeitet:

  • mit sehr geringem Lenkwinkel
  • ohne mechanisches Spiel
  • mit unmittelbarer Umsetzung

Richtungsänderungen erfolgen präzise und ohne Verzögerung. Die Notwendigkeit, die Hände umzusetzen, entfällt vollständig.

Höhere Geschwindigkeiten konnten im Rahmen dieses Tests nicht gefahren werden. Die Systemlogik sieht jedoch vor, dass das Verhältnis zwischen Lenkwinkel und Radeinschlag geschwindigkeitsabhängig angepasst wird, um Stabilität und Präzision auch bei Tempo sicherzustellen.

Die Rückmeldung ist vorhanden, jedoch nicht physisch erzeugt. Sie wirkt sauber und kontrolliert, wird aber in der weiteren Entwicklung sicher noch differenziert werden. Der entscheidende Vorteil liegt in der Möglichkeit, über Software unterschiedliche Profile zu definieren, die tatsächlich spürbare Unterschiede darstellen können.

Damit verändert sich die Rolle der Lenkung grundlegend:
Sie bildet nicht mehr ab, sondern interpretiert.

Was der Polygon anders macht

Der Unterschied zu bisherigen Anwendungen liegt in der Konsequenz der Umsetzung.

Radikalere Umsetzung:
Die Lenkung wird nicht adaptiert, sondern neu gedacht. Hypersquare und reduzierte Bewegung sind integraler Bestandteil des Konzepts.

Integration ins Gesamtkonzept:
Innenraum, Bedienlogik und Lenkung sind aufeinander abgestimmt. Der Verzicht auf klassische Strukturen folgt einer funktionalen Logik.

Zielsegment:
Die Technologie wird nicht ausschließlich im Premiumbereich gedacht, sondern perspektivisch im Volumensegment verortet.

Blick Richtung Peugeot 208

Der Polygon ist kein direkter Serienvorgriff, aber ein klarer Ideengeber für den kommenden Peugeot 208, der für 2027 erwartet wird.

Auf Basis von Gesprächen und Einordnung lassen sich folgende Entwicklungen ableiten:

  • eigenständige, klarer gezeichnete Frontpartie
  • markantere Heckgestaltung
  • weiterentwickelte Cockpitarchitektur mit reduzierten Bedienelementen
  • stärker softwarebasierte Bedienlogik
  • mögliche Übertragung des Hypersquare-Prinzips in angepasster Form
  • erste Schritte in Richtung variabler Lenkcharakteristik

Fazit & Einordnung

Der Polygon zeigt keinen fertigen Zustand, sondern ein offenes Entwicklungsfeld mit klarer Richtung.

Er macht sichtbar, dass sich die Perspektive verschiebt:
Die Lenkung wird zur Schnittstelle, das Interface zum zentralen Element. Mechanik tritt in den Hintergrund, Software definiert das Verhalten.

Entscheidend wird nicht die technische Machbarkeit sein, sondern die Qualität der Abstimmung.

Der Polygon liefert dazu einen ersten, sehr konkreten Eindruck.

Kommentar hinterlassen

Follow us

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns auf Facebook folgen.