Bei der tschechischen Barum-Rallye reicht Simon Wagner schon ein minimal verfehltes Arbeitsfenster, um den Anschluss an die Spitze zu verlieren. Warum Spitzen-Rallyesport kein Setup-Dilemma und keine fahrerischen Zweifel verzeiht.
Die Barum Czech Rally Zlín zählt mit seinen extrem verwinkelten, schnellen und unebenen Asphaltprüfungen in den mährischen Wäldern wohl zu der anspruchsvollste Prüfung im Kalender der Rallye-Europameisterschaft (ERC), am Asphalt mit Sicherheit. Wer hier um den Gesamtsieg mitfahren will, braucht kein „gutes“ Auto, er braucht ein Setup, das bedingungsloses Grundvertrauen erzeugt, und zwei makellose Tage am absoluten Limit.
Für Österreichs Serienmeister Simon Wagner brachte die diesjährige Ausgabe eine ernüchternde Bilanz: Rang neun, mit einem Rückstand von 2:13 Minuten auf die Spitze. Eine Welt im modernen Rallyesport. Die Ursachenforschung, die der Oberösterreicher im Nachgang betreibt, ist frei von Ausflüchten und gewährt einen schonungslos offenen Einblick in das Zusammenspiel aus Fahrzeugphysik, Setup-Kompromissen und Fahrerkopfsache.

Schonungslose Selbsteinschätzung
Wagner ordnet seine eigene Position im Feld mit bemerkenswerter Nüchternheit ein. Angesichts der enormen Leistungsdichte, geprägt von einheimischen Asphaltspezialisten, die jeden Meter Fahrbahnbelag im Schlaf kennen, und internationalen Spitzenfahrern wie Teemu Suninen, zählt er sich selbst vom reinen Speed her fahrerisch vielleicht nicht ganz zu den allerletzten Spitzenprozenten dieser Rallye.
Die Konsequenz daraus ist mathematisch einfach, aber sportlich brutal: Um ganz vorne mitzumischen, benötigt Wagner nicht nur ein konkurrenzfähiges Auto, sondern zwei absolut perfekte Tage ohne die kleinste Schwächephase. Umso mehr stand im Vorfeld die Frage im Raum, welches Risiko man bei der technischen Vorbereitung eingehen wollte.
Das Setup-Dilemma: Spitzen-Speed gegen Grundvertrauen
Gemeinsam mit den Ingenieuren von Hyundai Motorsport versuchte Wagner, das Maximum aus dem bestehenden Paket herauszuholen. Da die aktuelle Modellgeneration des Hyundai i20 N Rally2 vor der Homologation des komplett neu entwickelten Nachfolgers am 31. Dezember keine großen Entwicklungsschritte mehr erfährt, bewegte man sich im Rahmen minimaler Feinjustierungen.
Über ein Dämpfer-Update gelang es tatsächlich, das Fahrzeug grundlegend schneller zu machen, was aber auch zu einem extrem engen Arbeitsfesnter führte. Die Frage die sich stellte war daher für welche Option man sich entscheidet.
- Option A: Ein gutmütiges, breit aufgestelltes Setup, das unter allen Bedingungen berechenbar bleibt, damit jedoch von vornherein zu langsam ist, um das geforderte Spitzentempo mitzugehen.
- Option B: Ein spitzes, auf maximalen Peak-Speed ausgelegtes Setup, das jedoch mit einem extrem engen Arbeitsfenster bezahlt werden muss.
Wagner entschied sich für die offensive Variante. Was auf sechs Kilometern bei optimalen Streckenverhältnissen perfekt funktionierte und die Zeiten der Schnellsten ermöglichte, kollabierte bei nur leichten Veränderungen von Asphalt, Gripniveau oder Bodenwellen. Das Fahrverhalten wurde unberechenbar; es folgten mehrere Aha-Erlebnisse bei Höchstgeschwindigkeit.

Der Domino-Effekt im Kopf: Wenn das Commitment bricht
In einer Disziplin, die ohne Auslaufzonen auf schmalsten Waldstraßen ausgetragen wird, haben solche Instabilitäten sofortige Konsequenzen auf die Psyche des Piloten. Das uneingeschränkte, hundertprozentige Vertrauen (Commitment) in die Reaktionen des Fahrzeugs ging verloren.
Wagner bringt die Konsequenz auf den Punkt: Kann man das Auto nicht mehr zu 100 Prozent attackieren, sondern zieht unbewusst auf 98 oder 99 Prozent zurück, ist man auf ERC-Niveau sofort meilenweit geschlagen. Pro Prüfung summieren sich wenige Zehntelsekunden pro Kilometer zu einem Rückstand, der am Ende zweier Etappen unweigerlich jenseits der Zwei-Minuten-Marke liegt.
Dass Wagner auf nationaler Ebene in der Österreichischen Rallye-Staatsmeisterschaft (ÖRM) diesen technischen Nachteil nach wie vor fahrerisch kompensieren kann, zeigt seine Klasse. Auf europäischer Bühne hingegen verzeiht das Feld weder ein verengtes Arbeitsfenster noch die daraus resultierenden zwei Prozent Vorsicht.
Fokus auf das nationale Saisonfinale
Viel Zeit zur Frustration bleibt nicht. Bereits in zwei Wochen steht das Saisonfinale der heimischen Meisterschaft im Wechselland auf dem Programm. Die Ausgangslage dort ist anspruchsvoll: Selbst ein Gesamtsieg garantiert Wagner die Titelverteidigung nicht mehr aus eigener Kraft, er ist auf Schützenhilfe beziehungsweise Punkteverluste der Konkurrenz angewiesen.
Die Marschroute ändert das freilich nicht. Das Thema Barum ist analysiert und abgehakt, im Wechselland zählt für Wagner ausschließlich der Sieg.















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