MOTORWELT

Formel E Finale in London: WM-Krimi, Manipulations-Angst und ein goldener Abschied

Achim Mörtl / London ExCeL Circuit – 2,09 Kilometer, 20 Kurven und ein weltweit einzigartiges Streckenprofil: Der Doppel-Eprix in den Londoner Royal Docks verlangt den Gen3-Boliden das extremste Setup-Fenster des gesamten Kalenders ab. Der permanente Wechsel zwischen der glatten, staubigen Epoxid-Beschichtung im Inneren der Messehalle und dem offenen, abrasiven Bitumen-Asphalt im Freien erzeugt drastische Reibwertsprünge, die die gesamte Abstimmung des Fahrzeuges als auch Einstellung der Fahrer extremst schwierig gestalten. Dazu noch kein Platz für Fehler!

Genau auf diesem gnadenlosen Pflaster fällt an diesem Wochenende die Entscheidung in der Fahrer- und Team-Weltmeisterschaft – bei bis zu 58 noch zu vergebenden Punkten und einem Titelkampf, der dichter kaum sein könnte.

1. WM-Krimi am Siedepunkt: Wehrleins Warnung vor „Manipulation“

Porsche-Pilot Pascal Wehrlein reist als einer der Topfavoriten nach London, doch im Fahrerlager dominieren vor dem Start der Sessions nicht nur Zehntelsekunden, sondern handfester Argwohn. Wehrlein nutzte die Medienrunden für eine unmissverständliche Warnung an die Konkurrenz rund um Jaguar und Nissan:

(Photo by Simon Galloway/LAT Images)
  • Kritik an extremer Stallregie: Wehrlein forderte die Rennleitung auf, künstliche Eingriffe scharf zu ahnden, und zog eine klare Trennlinie zwischen regulärer Teamhilfe und verzerrenden Manövern:„Das Einzige, was ich sagen würde, ist, dass es in diesem Jahr viel mehr Teamtaktik zu geben scheint als in der Vergangenheit, wovon ich kein Fan bin. Es gibt einen Unterschied dazwischen, das Rennen absichtlich zu manipulieren, oder seinem Teamkollegen zu helfen, wenn man ohnehin hintereinander fährt.“
  • Das Tokio-Mahnmal: Als konkreten Auslöser nannte er das Rennen in Japan, bei dem Sébastien Buemi (Envision) nach einer Strafe das gesamte Verfolgerfeld aufhielt, um seinem Teamkollegen ein Punkteergebnis zu sichern – ein Rückstau, der damals zur Kollision zwischen Wehrlein und António Félix da Costa führte:„Was Buemi in Tokio gemacht hat, geht für mich weit über die Grenze hinaus.“
  • Erhöhte Brisanz im Messe-Labyrinth: Auf dem engen ExCeL-Layout ohne jede Auslaufzone sind Überholmanöver mit extremem Risiko behaftet. Sollten Konkurrenten rollende Schikanen einsetzen, um Verfolger im dichten Feld festzusetzen, drohen bei 350 kW Maximalleistung verheerende Kettenreaktionen in den Tecpro-Barrieren.

2. Der finale Vorhang in Schwarz-Gold: Abschied einer Dynastie

Während an der Tabellenspitze die Messer gewetzt werden, vollzieht sich in der Boxengasse von DS Automobiles / DS PENSKE ein historischer Moment. Nach Jahren an der Spitze des elektrischen Formelsports schließt der französische Hersteller mit diesem Wochenende sein Werksprogramm in der bisherigen Form ab.

(Photo by Alastair Staley/LAT Images)
  • Die Erfolgsbilanz: Mit zwei Fahrer- und zwei Team-Weltmeisterschaften prägte DS insbesondere die Gen2-Ära wie kein zweiter Hersteller. Die markante schwarz-goldene Lackierung setzte über Jahre hinweg den Maßstab für Antriebseffizienz und Rennhärte.
  • Vergnes letzter Tanz: Im Cockpit sitzt mit Jean-Éric Vergne nicht nur der einzige Doppelchampion der Rennserie, sondern das Aushängeschild der goldenen DS-Jahre. Vergne wird im Londoner Hexenkessel noch einmal alles daran setzen, das Antriebspaket auf das Podium zu wuchten, bevor Stellantis sein Motorsport-Engagement für die Gen3-Evo-Ära neu sortiert.

3. Die Kulisse für das letzte Gefecht

Schauplatz & FaktenSportliche AusgangslageEmotion & Bedeutung
ExCeL Circuit (2,09 km, 20 Kurven)Reibwert-Sprünge zwischen Halle &
Freiluft-Sektor
Null Fehlerverzeihung an den
Betonwänden
Titelkampf (Bis zu 58 Punkte offen)Wehrlein vs. Rivalen bei drohender
Blockade-Taktik
Maximaler Nervenkrieg und Taktik-
Schach
DS-GarageLetztes Rennwochenende vor dem
Umbruch

Würdiger Schlusspunkt unter eine Ära
(Photo by Joe Portlock/LAT Images)

Ausgangslage vor dem Lauf / Fahrer-Weltmeisterschaft

Pos.FahrerTeam / AntriebPunkte
1.🇬🇧 Jake DennisAndretti (Porsche)146
2.🇳🇿 Mitch EvansJaguar TCS Racing144
3.🇩🇪 Pascal WehrleinTAG Heuer Porsche141

Im heutigen ersten Warm-Up konnten sich die WM-Kandidaten Mitch Evans als auch Pascal Wehrlein auch gleich in den TOP-3 platzieren, Jake Dennis auf P5 nur knapp dahinter!


Fazit

Wenn die Startampel unter dem Dach der ExCeL-Halle auf Grün schaltet, entscheidet sich auf 20 verwinkelten Kurven nicht nur, wer im brisanten Taktik-Poker die Nerven behält und sich die WM-Krone aufsetzt – es verabschiedet sich auch ein Konstrukteur, der die Formel E von ihren Kinderschuhen bis in den Profi-Motorsport getragen und auch wesentlich beigetragen hat, elektrischen Motorsport groß zu machen.

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