Auf der IAA Transportation in Hannover zählen Ladevolumen, Nutzlast, Betriebskosten und Verfügbarkeit. Stellantis Pro One zeigt mit drei Weltpremieren, dem Flottensystem NEXT und dem autonomen BOW., wie sich das Nutzfahrzeug vom Transportmittel zur vernetzten Arbeitsplattform entwickelt.
Achim Mörtl, Hannover: Die IAA Transportation betrachtet das Automobil aus einer mir fast unbekannten Perspektive, die bei klassischen Fahrzeugpräsentationen häufig im Hintergrund bleibt. Fahrdynamik, Fahrfreude und Performance verlieren hier nicht jede Bedeutung, ordnen sich jedoch einem nüchternen Pflichtenheft unter: Raumnutzen, Ladevolumen, Nutzlast, Anhängelast, Reichweite, Betriebskosten und möglichst geringe Standzeiten entscheiden über den Wert eines Fahrzeugs.
Ein Nutzfahrzeug muss nicht nur zuverlässig fahren. Es muss eine konkrete Aufgabe erfüllen und seinem Betreiber Geld verdienen. Jede Stunde, die es ungeplant in der Werkstatt verbringt, belastet die Kalkulation; jeder umständliche Arbeitsschritt, jeder schlecht nutzbare Stauraum und jede unnötige Fahrt wirken sich unmittelbar auf die Produktivität aus.
Wie groß die Bedeutung dieser Sparte geworden ist, zeigt bereits die Präsenz der österreichischen Importorganisationen in Hannover. Verantwortliche und Pressesprecher von Stellantis Pro One, Ford, Toyota, Renault, VW Nutzfahrzeuge, Mercedes oder Kia begleiten eine Messe, deren Themen beinahe jeden Wirtschaftszweig betreffen: Handwerk und Bau, Handel und Zustellung, kommunale Dienste, Personenbeförderung und industrielle Logistik.

Stellantis Pro One bündelt sechs Marken
Eine der größten Nutzfahrzeugorganisationen innerhalb der Automobilindustrie ist Stellantis Pro One. Unter diesem Dach bündelt der Konzern die Kompetenzen von Citroën, Fiat Professional, Opel, Peugeot, Ram und Vauxhall. Die europäische Modellpalette reicht vom kompakten Lieferwagen bis zum großen Kastenwagen; in anderen Weltregionen ergänzen Pick-ups das Angebot.
Die Größenordnung ist beträchtlich. Stellantis Pro One verkaufte 2025 weltweit rund 1,65 Millionen Nutzfahrzeuge und Pick-ups, erreichte damit nach eigenen Angaben etwa 15 Prozent Weltmarktanteil und führte die Märkte in Europa und Südamerika an. In den kommenden fünf Jahren sollen elf neue Modelle folgen.
Auch in Österreich ist das Nutzfahrzeuggeschäft ein wesentlicher Faktor. Fiat Professional, Peugeot, Citroën und Opel kamen 2025 gemeinsam auf 8.935 Neuzulassungen inklusive Camper. Das entsprach rund einem Viertel des österreichischen Marktes. Im ersten Halbjahr 2026 wurden bereits 5.170 Fahrzeuge zugelassen; der gemeinsame Marktanteil lag bei 26,4 Prozent. Mehr als jedes vierte neue leichte Nutzfahrzeug stammte damit aus dem Stellantis-Verbund.
Auf der IAA Transportation tritt Stellantis Pro One nun nicht mehr allein als Hersteller einer breit gefächerten Transporterpalette auf. Der Konzern will sich als vollständiger Partner für professionelle Mobilität etablieren und das Fahrzeug mit Flottenmanagement, Finanzierung, Versicherung, Ladeinfrastruktur, Wartung und individuellen Umbauten verbinden.

Drei Weltpremieren in Hannover
Auf einer Fläche von rund 1.000 Quadratmetern zeigt Stellantis Pro One 13 Fahrzeuge der Marken Citroën, Fiat Professional, Opel und Peugeot. Im Zentrum stehen drei Weltpremieren: der neue Smart Compact Van, die mit Türen ausgestattete Cargo-Box-Version des Fiat TRIS sowie das autonome Logistikkonzept BOW. Hinzu kommen zahlreiche CustomFit-Umbauten für klar definierte berufliche Einsätze.
Die drei Neuheiten markieren sehr unterschiedliche Bereiche des Nutzfahrzeuggeschäfts. Der Smart Compact Van richtet sich an klassische Gewerbekunden, der TRIS erschließt die professionelle Mikromobilität und BOW. weist in eine Zukunft, in der ein Lieferfahrzeug möglicherweise ohne Fahrerhaus, Lenkrad und menschlichen Fahrer auskommt.
Dazwischen liegt ein zunehmend wichtiger Bereich, der auf keiner klassischen Liste technischer Fahrzeugdaten erscheint: die digitale Betreuung der Flotte.
Pro One NEXT: Der Kampf gegen den Stillstand
Mit Pro One NEXT verschiebt Stellantis den Schwerpunkt vom Verkauf eines Fahrzeugs auf dessen laufenden Betrieb. Das System verknüpft Fahrzeugdaten, Flottenmanagement und das Servicenetz. Es soll technische Auffälligkeiten früh erkennen, notwendige Eingriffe koordinieren und ungeplante Standzeiten reduzieren.
Rund 800.000 vernetzte Fahrzeuge können bereits in Echtzeit überwacht und über ein proaktives Fallmanagement betreut werden. Die ersten NEXT-Leitstellen sind in Großbritannien und den USA in Betrieb; weitere Zentren sollen schrittweise in Europa entstehen.
Der Ansatz folgt der wirtschaftlichen Realität des Nutzfahrzeugmarktes. Für einen privaten Pkw ist ein zusätzlicher Werkstatttag unangenehm. Für einen Handwerksbetrieb, Lieferdienst oder Flottenbetreiber kann er den Ausfall von Aufträgen, Ersatzfahrzeugkosten und organisatorischen Aufwand bedeuten. Verfügbarkeit wird damit selbst zu einem Produkt.
Stellantis stützt dieses Angebot auf fünf Bereiche: Daten und Konnektivität, Pro One NEXT, integrierte Finanzierungs-, Leasing-, Versicherungs- und Ladelösungen, das Umbauprogramm CustomFit sowie weltweit rund 21.000 spezialisierte Vertriebs- und Servicestellen. Das neue Pro-One-Logo soll den Wandel vom Fahrzeuglieferanten zum umfassenden Systemanbieter sichtbar machen.

Smart Compact Van: Vier Marken, eine Aufgabe
Der neue Smart Compact Van wurde bereits im Juni digital vorgestellt und feiert in Hannover seine erste öffentliche Präsentation. Er kommt als Citroën Berlingo Van First, Fiat Doblò EasyPRO, Opel Combo Start und Peugeot Partner Active auf den Markt.
Die Modellnamen und Markenauftritte unterscheiden sich, das Pflichtenheft bleibt dasselbe: möglichst viel praktischer Nutzen zu einem klar kalkulierbaren Preis. Stellantis fasst diesen Anspruch mit „all skills, no frills“ zusammen, alle notwendigen Fähigkeiten, aber kein entbehrlicher Aufwand.
Entsprechend konzentriert sich die Entwicklung auf jene Details, die den Arbeitstag tatsächlich erleichtern. Der umklappbare Flexiseat vergrößert das Ladevolumen um 0,5 Kubikmeter. In Verbindung mit dem optionalen ModuTable entsteht ein mobiler Arbeitsplatz. Moduwork ermöglicht je nach Aufgabe zwei Sitzplätze, einen Sitz samt verschiebbarem Tisch oder den Transport von Gegenständen bis zu 3,40 Meter Länge.
Zusätzliche Ablagen unter dem Fahrersitz, am Armaturenbrett und in einer herausnehmbaren Mittelkonsole zeigen, wie genau in diesem Segment um jeden nutzbaren Zentimeter gerungen wird. Es geht nicht um dekorativen Raum, sondern um die Frage, wo Smartphone, Dokumente, Handschuhe, Werkzeug oder längere Werkstücke sicher untergebracht werden können.
Bei den Antrieben bleibt Stellantis technologieoffen. Vorgesehen sind zwei Dieselmotoren, ein Benziner und eine vollelektrische Variante mit bis zu 270 Kilometern Reichweite. Ab 2027 soll ein Mildhybrid hinzukommen.
Der Fiat Doblò EasyPRO wird in zwei Längen angeboten. Je nach Ausführung stehen zwischen 650 Kilogramm und einer Tonne Nutzlast sowie bis zu 4,4 Kubikmeter Ladevolumen zur Verfügung. Damit reicht sein Einsatzspektrum vom Servicefahrzeug bis zum städtischen Lieferwagen.

Fiat TRIS: Nutzfahrzeug auf 3,17 Metern
Noch konsequenter auf den urbanen Einsatz zugeschnitten ist der Fiat TRIS. Das erste dreirädrige elektrische Nutzfahrzeug von Fiat Professional misst lediglich 3,17 Meter und besitzt einen Wenderadius von 3,05 Metern. Es wurde für Kleinunternehmen, Selbstständige und Zustelldienste entwickelt, die sich überwiegend auf kurzen Strecken und in dicht bebauten Gebieten bewegen.
In Hannover zeigt Fiat Professional den TRIS als offenen Pick-up und als geschlossene Cargo Box. Die Weltpremiere betrifft eine weiterentwickelte Cargo-Version mit Türen. Sie schützt den Fahrer besser vor Witterung, erhöht die Sicherheit der Ladung und macht das Fahrzeug für den europäischen Ganzjahreseinsatz erheblich plausibler.
Die europäische Ausführung soll abhängig von der Konfiguration bis zu 430 Kilogramm Nutzlast bewältigen; in die Cargo Box passen zwei Europaletten. Die 6,9-kWh-Batterie ermöglicht bis zu 90 Kilometer Reichweite und kann an einer gewöhnlichen 220-Volt-Steckdose geladen werden.
Der TRIS versucht nicht, einen herkömmlichen Transporter zu ersetzen. Er besetzt jene Lücke, in der ein klassischer Lieferwagen zu groß und ein Lastenrad zu eingeschränkt ist. Für innerstädtische Zustellungen, kurze Servicefahrten oder klar abgegrenzte Einsatzgebiete können geringe Abmessungen, niedrige Betriebskosten und einfache Ladetechnik wichtiger sein als hohe Geschwindigkeit oder große Reichweite.
BOW.: Wenn die Fahrerkabine entbehrlich wird
Den weitesten Blick nach vorne erlaubt BOW. Box on Wheels. Das gemeinsam mit UQI Robotics entwickelte Konzept reduziert das Nutzfahrzeug äußerlich auf eine elektrische Transportbox. Eine klassische Fahrerkabine ist nicht vorgesehen, denn BOW. soll Waren autonom befördern.
Das Fahrzeug ist für die sogenannte letzte Meile gedacht, ebenso für Umwelt- und Zufahrtszonen sowie kontrollierte Bereiche wie Fabriken, Krankenhäuser und Flughäfen. Dort lassen sich autonome Systeme früher und unter berechenbareren Bedingungen einsetzen als im uneingeschränkten öffentlichen Straßenverkehr.
BOW. verbindet elektrischen Antrieb, autonome Fahrtechnik, künstliche Intelligenz, Konnektivität und Flottensteuerung. Auf dem Messestand steht das Konzeptfahrzeug, im Außenbereich demonstriert ein fahrender Erprobungsträger mögliche Einsatzabläufe.
Noch handelt es sich nicht um die Ankündigung eines serienreifen Produktes. Das Projekt befindet sich in der Validierungsphase und muss erst beweisen, welchen Kundennutzen, welche Zuverlässigkeit und welche Skalierbarkeit es unter europäischen Bedingungen erreicht. Gerade deshalb ist BOW. interessant: Es zeigt nicht nur eine neue Fahrzeugform, sondern stellt die bisherige Konstruktion eines Lieferwagens grundsätzlich infrage.
Wenn kein Mensch mehr im Fahrzeug sitzen muss, werden Fahrerhaus, Bedienelemente und zahlreiche klassische Komfortfunktionen entbehrlich. Der verfügbare Raum kann konsequenter für die Ladung genutzt werden. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Sensorik, digitale Überwachung, Sicherheit, Beladung und die Einbindung in bestehende Logistikprozesse.

CustomFit: Der Umbau wird Teil des Produkts
Bei einem Nutzfahrzeug entscheidet häufig erst der Aufbau über seinen tatsächlichen Wert. Stellantis will diese Anpassung mit CustomFit stärker in den Bestell- und Produktionsprozess integrieren. Neben werkseitigen Lösungen arbeitet der Konzern weltweit mit mehr als 650 zertifizierten Umbaupartnern zusammen.
In Hannover reicht das Spektrum vom elektrisch betriebenen Kühlaufbau über Werkstatteinrichtungen und Regalsysteme bis zu Pritschen- und Kipperlösungen. Beim e-Ducato Fridge versorgt eine neue 400-Volt-ePTO-Schnittstelle das Hochvolt-Kühlaggregat direkt aus der Traktionsbatterie. Der Peugeot Partner Pro-Skill erhält einen von Dangel entwickelten elektrischen Allradantrieb, während der neue Opel Vivaro Dropside bis zu vier Europaletten aufnehmen kann.
Der Vorteil einer früh integrierten Umrüstung liegt nicht allein in der Qualität. Bestellung, Fahrzeugbau, Ausbau und Auslieferung lassen sich enger koordinieren; Homologation, Garantie und technische Schnittstellen bleiben klarer beherrschbar. Für den Kunden verkürzt sich im Idealfall der Weg vom serienmäßigen Transporter zum einsatzfertigen Arbeitsgerät.
Ducato: 45 Jahre industrielles Rückgrat
Fiat Professional nutzt Hannover außerdem, um die Rolle des Ducato hervorzuheben. Das Modell feiert 2026 sein 45-jähriges Bestehen. Seit seiner Einführung 1981 wurden mehr als 3,5 Millionen Exemplare produziert. Allein in den ersten acht Monaten 2026 steigerte Fiat Professional seine weltweiten Zulassungen laut Unternehmensangaben von 87.600 auf 91.900 Fahrzeuge und damit um rund fünf Prozent.
Der Ducato ist nicht nur klassischer Kastenwagen, sondern Fahrgestell für Lieferfahrzeuge, Kühltransporter, Rettungswagen, Sonderaufbauten und einen erheblichen Teil der europäischen Reisemobilproduktion. Mit dem E-Ducato reicht das Angebot inzwischen bis zur vollelektrischen Variante mit bis zu 424 Kilometern WLTP-Reichweite.
Seine Stellung erklärt zugleich, weshalb Plattformen im Nutzfahrzeuggeschäft eine so große wirtschaftliche Bedeutung besitzen. Eine langlebige Architektur kann über mehrere Marken, Karosserieformen, Antriebsarten und Weltregionen genutzt werden. Gerade die Geschichte der großen Stellantis-Transporter verdient deshalb eine gesonderte Betrachtung.

Eine andere Rechnung
Die IAA Transportation zeigt eine automobile Industrie, deren Produkte im Alltag allgegenwärtig sind, aber selten dieselbe öffentliche Aufmerksamkeit erhalten wie Sportwagen oder neue Pkw-Modelle. Dabei hängen Lieferketten, Handwerksbetriebe, kommunale Dienstleistungen und ein beträchtlicher Teil des Handels von diesen Fahrzeugen ab.
Stellantis Pro One versucht, diese gewerbliche Mobilität nicht länger als Summe einzelner Transporter zu behandeln. Smart Compact Van, TRIS und BOW. markieren drei Größenordnungen; NEXT, CustomFit und das Servicenetz sollen sie zu einem gemeinsamen System verbinden.
Während beim Sportwagen jede Zehntelsekunde zählt, zählt beim Nutzfahrzeug jede Stunde, in der es zuverlässig arbeitet. Seine eigentliche Leistung zeigt sich nicht auf einer schnellen Runde, sondern am Ende eines Arbeitstages: in zugestellten Paketen, montierten Anlagen, gekühlten Waren und erledigten Aufträgen.






















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