MOTORWELT

VW ID. Tiguan: Schluss mit dem Nummernsalat

Aus dem ID.4 wird der ID. Tiguan. Volkswagen verabschiedet sich schrittweise von seiner bisherigen Elektrostrategie und besinnt sich auf die Stärken der eigenen Marke. Der neue SUV zeigt, wie weit diese Neuorientierung bereits reicht. Und weshalb sie dringend notwendig geworden ist.

Jetzt ist die Katze offiziell aus dem Sack, auch wenn die Entscheidung längst bekannt war: Aus dem Volkswagen ID.4 wird der ID. Tiguan. Der neue elektrische SUV übernimmt ab Februar 2027 die Nachfolge von ID.4 und ID.5 und führt damit einen Modellnamen weiter, den Volkswagen seit fast zwei Jahrzehnten erfolgreich aufgebaut hat.

Die naheliegende Frage lautet, weshalb man dafür überhaupt eine eigene elektrische Modellwelt mit abstrakten Nummern schaffen musste.

Volkswagen hatte mit dem ID.3 und dem ID.4 eine neue Ära ausgerufen. Die Elektroautos sollten den technologischen Aufbruch der Marke verkörpern, eine eigenständige Identität entwickeln und sich bewusst von den etablierten Baureihen unterscheiden. Dahinter stand durchaus eine nachvollziehbare Überlegung. Der Wechsel zur Elektromobilität erforderte neue Plattformen, neue Fertigungsprozesse, eine andere Softwarearchitektur und erhebliche Investitionen.

Allerdings hatte Volkswagen bereits Namen geschaffen, die weltweit bekannt waren und über Generationen hinweg mit konkreten Produkteigenschaften verbunden wurden. Polo, Golf, Passat und Tiguan sind längst eigenständige Marken innerhalb der Marke. Sie stehen für bestimmte Fahrzeugklassen, Erwartungen und Erfahrungen. Wer einen Tiguan kauft, weiß ziemlich genau, welches Fahrzeugkonzept ihn erwartet.

Mit der ID. Familie wurde diese gewachsene Orientierung zunächst aufgegeben. Die neue Nomenklatur war technisch begründet, aus Kundensicht allerdings wenig überzeugend. Die Zahlen erklärten weder die Größe noch den Charakter eines Fahrzeugs besonders anschaulich. Gleichzeitig musste Volkswagen Bekanntheit und Vertrauen für Bezeichnungen aufbauen, deren wichtigste Eigenschaften längst mit den bestehenden Modellnamen verbunden waren.

Mit dem ID. Polo und nun dem ID. Tiguan korrigiert Volkswagen diesen Kurs. Die elektrische Antriebstechnik bleibt erkennbar, das Fahrzeug selbst erhält wieder seinen Platz in der vertrauten Modellfamilie.

Der schwierige elektrische Aufbruch

Dabei lohnt ein Blick auf die vergangenen Jahre. Volkswagen hat die Elektromobilität keineswegs grundsätzlich verschlafen. Der Konzern investierte früh erhebliche Summen in die Elektrifizierung, entwickelte mit dem Modularen E-Antriebsbaukasten eine eigene Plattform und brachte Elektrofahrzeuge in großen Stückzahlen auf die Straße.

Verschlafen hat man allerdings einige Entwicklungen, die für die Akzeptanz dieser Fahrzeuge entscheidend wurden.

Während sich die Branche zunehmend mit Software, intuitiver Bedienung, digitaler Vernetzung und kurzen Entwicklungszyklen beschäftigte, leistete sich Volkswagen gerade bei diesen Themen erhebliche Schwierigkeiten. Die frühen ID. Modelle mussten Kritik an ihrer Bedienlogik, an Softwareproblemen und an der Qualität einzelner Innenraummaterialien einstecken.

Besonders die weitgehende Verlagerung alltäglicher Funktionen auf Touchflächen erwies sich als Fehlentscheidung. Die berührungsempfindlichen Lenkradflächen, Slider und verschachtelten Bildschirmmenüs waren Ausdruck eines Verständnisses von Modernität, das sich im praktischen Gebrauch nicht immer bewährte.

Dazu kam der zunehmende Wettbewerbsdruck. Insbesondere chinesische Hersteller entwickelten sich in kurzer Zeit zu ernsthaften Konkurrenten, mit umfangreicher Serienausstattung, hoher Entwicklungsgeschwindigkeit und aggressiver Preisgestaltung. Volkswagen musste feststellen, dass seine jahrzehntelang erfolgreiche Marktposition im elektrischen Zeitalter keineswegs selbstverständlich war.

Die gegenwärtige Neuorientierung ist deshalb weitreichender als die Rückkehr zu vertrauten Modellnamen. Sie betrifft das Design, die Bedienung, den Nutzwert und letztlich die Frage, was ein Volkswagen künftig auszeichnen soll.

Ein Tiguan soll auch wie ein Tiguan aussehen

Der ID. Tiguan trägt bereits deutlich die Handschrift von Chefdesigner Andreas Mindt. Die neue Formensprache heißt „Pure Positive“ und soll den Modellen wieder ein klar erkennbares Volkswagen Gesicht geben.

Die rundlicheren Formen des bisherigen ID.4 treten in den Hintergrund. Der ID. Tiguan erhält straffer gezeichnete Flächen, eine markantere Front, klarere Linien und eine insgesamt kräftigere SUV-Silhouette.

Die Gestaltung orientiert sich wieder stärker an vertrauten Proportionen. Auch die klassischen Bügeltürgriffe sind zurück. Sie wirken wie eine Nebensächlichkeit, stehen aber exemplarisch für die veränderte Entwicklungsphilosophie: Vertraute, bewährte Lösungen dürfen bleiben, sofern sie ihre Aufgabe gut erfüllen.

Der neue elektrische Tiguan wird künftig parallel zum konventionell angetriebenen Tiguan angeboten. Volkswagen trennt damit weiterhin die Antriebskonzepte, führt beide Fahrzeuge aber unter einem gemeinsamen Modellnamen zusammen.

Die Produktion des ID. Tiguan erfolgt in Emden, während der konventionelle Tiguan aus Wolfsburg kommt.

Die Rückkehr der vernünftigen Bedienung

Besonders deutlich wird die Veränderung im Innenraum.

Volkswagen verabschiedet sich von mehreren jener Bedienungslösungen, die bei den bisherigen ID. Modellen für Kritik gesorgt hatten. Das neue Lenkrad verfügt wieder über physische Tasten. Für die Klimatisierung gibt es eine eigene Bedienleiste, und in der Mittelkonsole befindet sich ein Drehregler für die Lautstärke und die Musikauswahl.

Auch die Türöffner und die Bedienung der Fensterheber wurden überarbeitet.

Diese Maßnahmen betreffen elementare Funktionen, die während der Fahrt ohne längere Ablenkung erreichbar sein müssen. Eine gute Bedienarchitektur ist schließlich auch eine Frage der Ergonomie und Verkehrssicherheit.

Gleichzeitig wurde die digitale Ausstattung deutlich erweitert. Vor dem Fahrer befindet sich ein 10 Zoll großes Digital Cockpit, in der Mitte ein 15 Zoll großer Infotainmentbildschirm. Optional gibt es einen zusätzlichen 12 Zoll Bildschirm für den Beifahrer.

Dieser kann eigene Inhalte nutzen, wobei eine spezielle Darstellung verhindern soll, dass der Fahrer durch die Bildschirminhalte abgelenkt wird. Auch eine Audioausgabe über Bluetooth-Kopfhörer ist vorgesehen.

Hinzu kommen je nach Ausstattung zwei induktive Qi2-Ladeflächen für Smartphones, elektrisch verstellbare Sitze mit Massage-, Memory- und Belüftungsfunktionen sowie ein Harman-Kardon-Soundsystem mit 480 Watt.

Bei der Innenraumgestaltung verspricht Volkswagen zudem eine deutlich höhere Materialqualität. Ob dieser Anspruch tatsächlich über alle Ausstattungsvarianten hinweg eingelöst wird, muss ein ausführlicher Test zeigen.

Ein Golf IV im digitalen Cockpit

Eine bemerkenswerte Idee findet sich in der Instrumentendarstellung.

Über eine View-Taste lassen sich die digitalen Anzeigen in das charakteristische Erscheinungsbild des Golf IV versetzen. Dann erscheinen vor dem Fahrer jene blaurot beleuchteten Rundinstrumente, die eine ganze Volkswagen Generation geprägt haben.

Links sitzt der klassische Tachometer, rechts ein stilisierter Drehzahlmesser. Da der ID. Tiguan keinen Verbrennungsmotor besitzt, zeigt dieser die abgegebene beziehungsweise rekuperierte Leistung an.

Volkswagen hat damit ein vertrautes Gestaltungselement in die digitale Gegenwart übertragen.

Auch der zentrale Bildschirm erhält eine historische Komponente. In einer virtuellen Garage können sechs Modelle aus der Markengeschichte ausgewählt werden: Käfer, Golf I, Golf II Country, Golf IV, Tiguan I und Race Touareg.

Die Idee zeigt, dass Volkswagen den Wert seiner eigenen Geschichte wieder stärker berücksichtigt. Die Marke verfügt schließlich über eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung bekannter Modelle, deren Gestaltung bis heute einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Mehr Platz und endlich ein Frunk

Ein weiterer Schwerpunkt der Überarbeitung betrifft den praktischen Nutzwert.

Der ID. Tiguan bietet Platz für fünf Personen und einen Kofferraum mit bis zu 534 Litern Volumen. Neu ist ein zusätzlicher Stauraum unter der Fronthaube. Dieser sogenannte Frunk fasst 32 Liter und eignet sich insbesondere für Ladekabel oder kleinere Gegenstände, die nicht ständig im Hauptkofferraum liegen sollen.

Gerade bei Elektrofahrzeugen ist ein solcher Stauraum sinnvoll. Die elektrische Architektur eröffnet konstruktive Möglichkeiten, die Volkswagen bei seinen bisherigen ID. SUV nicht in dieser Form genutzt hatte.

Der ID. Tiguan basiert auf der weiterentwickelten MEB+ Architektur und wird in drei Antriebsvarianten angeboten.

Den Einstieg bildet ein Hecktriebler mit 140 kW beziehungsweise 190 PS. Er verfügt über eine Batterie mit 58 kWh Kapazität.

Darüber rangiert eine zweite heckgetriebene Version mit 210 kW beziehungsweise 286 PS und einem 77-kWh-Akku.

Das Spitzenmodell erhält den elektrischen 4MOTION-Allradantrieb, leistet 220 kW beziehungsweise 299 PS und nutzt ebenfalls die 77-kWh-Batterie.

Die vorläufig angegebene maximale WLTP-Reichweite beträgt bis zu 600 Kilometer.

Interessant ist auch die Anhängelast. Bereits die Version mit der kleineren Batterie darf bis zu 1.800 Kilogramm ziehen. Mit dem 77-kWh-Akku steigt dieser Wert auf bis zu 2.000 Kilogramm. Damit erfüllt der elektrische Tiguan eine wichtige Voraussetzung für jene Kunden, die ihr Fahrzeug auch für Wohnwagen, Anhänger oder andere Transportaufgaben verwenden.

Rekuperation bis zum Stillstand

Neu ist außerdem das serienmäßige One-Pedal-Driving. Der ID. Tiguan kann durch Rekuperation bis zum vollständigen Stillstand verzögern. Der Fahrer muss das Bremspedal damit im alltäglichen Verkehr seltener betätigen.

Volkswagen entwickelt auch seine Assistenzsysteme weiter. Der optional erhältliche Connected Travel Assist unterstützt unter anderem beim Spurwechsel und kann rote Ampeln erkennen sowie innerhalb seiner Systemgrenzen selbstständig anhalten.

Hinzu kommen ein digitaler Fahrzeugschlüssel, der über die Volkswagen App geteilt werden kann, sowie die Möglichkeit, über einen entsprechenden Adapter elektrische Geräte aus der Fahrzeugbatterie zu versorgen.

Die Ausstattung gliedert sich in die bekannten Linien Trend, Life, Style und R-Line.

Technische DatenVW ID. Tiguan
AntriebHeckantrieb oder 4MOTION-Allrad
Leistung190 / 286 / 299 PS
Batterie58 oder 77 kWh
ReichweiteBis zu 600 km WLTP, vorläufig
KofferraumBis zu 534 Liter
Frunk32 Liter
AnhängelastBis zu 2.000 kg
Sitzplätze5
Vorverkauf ÖsterreichOktober 2026
MarkteinführungFebruar 2027

Der Preis entscheidet über den Erfolg

Mit dem ID. Tiguan bringt Volkswagen einige wesentliche Eigenschaften zurück, die der Marke in den vergangenen Jahren teilweise abhandengekommen waren.

Die neue Gestaltung ist klarer, die Bedienung nachvollziehbarer und der praktische Nutzwert wurde in wichtigen Bereichen verbessert. Der bekannte Modellname erleichtert zudem die Einordnung innerhalb des Volkswagen Programms.

Entscheidend wird allerdings die wirtschaftliche Positionierung.

In Deutschland wird für die Einstiegsversion ein Preis von rund 42.700 Euro genannt. Die österreichischen Preise stehen noch aus. Mit Blick auf die unterschiedlichen Leistungs- und Batterievarianten dürfte die Preisspanne entsprechend groß ausfallen.

Volkswagen muss dabei eine schwierige Aufgabe lösen. Einerseits sollen die neuen Elektrofahrzeuge eine höhere Qualität, bessere Technik und eine umfangreichere Ausstattung bieten. Andererseits steht die Marke unter erheblichem Wettbewerbs- und Kostendruck. Gleichzeitig erwarten die Kunden von Volkswagen weiterhin ein vernünftiges Verhältnis zwischen Preis, Ausstattung und praktischem Nutzen.

Die Rückkehr zu bekannten Modellnamen und vertrauten Bedienkonzepten ist deshalb auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Volkswagen versucht, seine elektrischen Modelle wieder näher an jene Käufergruppen heranzuführen, die bisher Polo, Golf, Passat oder Tiguan gefahren sind.

Das ist die eigentliche Idee hinter dem neuen ID. Tiguan.

Die Elektromobilität soll ihren Sonderstatus innerhalb der Marke verlieren und zu einer selbstverständlichen Antriebsalternative innerhalb bekannter Fahrzeugklassen werden. Dafür braucht es keine neue Markenwelt und keine eigene Vorstellung davon, wie Kunden ein Auto zu bedienen haben.

Volkswagen verfügt über eine lange Erfahrung im Bau alltagstauglicher Fahrzeuge für große Käuferschichten. Mit dem ID. Tiguan beginnt man, diese Erfahrung wieder konsequenter auf die Elektromobilität anzuwenden.

Ob daraus ein neuer Bestseller entsteht, hängt nun von der Qualität im Alltag, der Effizienz und vor allem vom Preis ab. Denn auch ein elektrischer Tiguan muss am Ende jenes Versprechen erfüllen, das im Namen Volkswagen steckt.

Kommentar hinterlassen

Follow us

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns auf Facebook folgen.