MOTORWELT

Mi chiamo Fiat 124 – Eine Limousine geht um die Welt

Im März 1966 stellte Fiat auf dem Genfer Automobilsalon eine Limousine vor, deren Bedeutung sich erst über Jahrzehnte vollständig erschließen sollte. Der 124 brachte Familien zur Arbeit, in den Urlaub und erstmals zum eigenen Auto. Er wurde in Spanien, der Sowjetunion, der Türkei und Indien gebaut. Seine technische Basis trug elegante Sportwagen und erfolgreiche Rallyeautos. Zum 60. Geburtstag widmet ihm der Heritage Hub in Turin die Ausstellung „Mi chiamo Fiat 124“.

Fünf Fahrzeuge erzählen dort bis Ende November die Geschichte einer Baureihe, deren Verbreitung weit über die italienische Produktion hinausging: die ursprüngliche Limousine, ein 124 Special der Langstreckenfahrt vom Kap der Guten Hoffnung zum Nordkap, der Sport Spider, das Sport Coupé und der Abarth Rally. Zeitgenössische Prospekte ergänzen die Fahrzeuge und zeigen, mit welchen Argumenten Fiat damals um Käufer warb.

Der Ausgangspunkt war ein klar umrissenes Alltagsauto. Unter der technischen Leitung von Dante Giacosa entstand eine gut vier Meter lange Limousine mit großzügigen Fensterflächen, übersichtlicher Karosserie und einem geräumigen Innenraum. Motor vorne, Antrieb hinten, dazwischen Platz für Familie und Gepäck. Die Form folgte den Anforderungen an Nutzbarkeit, Fertigung und Kosten.

Dabei investierte Fiat durchaus in die Technik. Der von Aurelio Lampredi entwickelte Vierzylinder schöpfte aus 1.197 Kubikzentimetern 60 PS, seine Kurbelwelle war fünffach gelagert. Vier Scheibenbremsen waren in dieser Klasse keineswegs selbstverständlich. An der hinteren Starrachse arbeiteten Schraubenfedern und Teleskopdämpfer. Mit einem Leergewicht von lediglich 855 Kilogramm kam der 124 auch ohne großen Motor ordentlich voran. Die Auszeichnung zum „Auto des Jahres 1967“ bestätigte, wie überzeugend dieses Gesamtpaket bei seinem Erscheinen war.

Belastungsprobe zwischen zwei Kaps

Wie belastbar die Konstruktion war, sollte eine ungewöhnliche Reise zeigen. Gemeinsam mit der italienischen Zeitschrift Quattroruote schickte Fiat 1970 drei 124 Special von Kapstadt zum Nordkap. Der „Raid der zwei Kaps“ führte über drei Kontinente, mehr als 40.000 Kilometer und dauerte 51 Tage.

Wüsten, schlechte Pisten und notdürftige Brücken gehörten zum Programm. Die Autos mussten lange Tagesetappen bewältigen und unter Bedingungen funktionieren, die den europäischen Straßenalltag deutlich überschritten. Eines dieser Fahrzeuge steht nun in Turin. Es dokumentiert eine Zeit, in der Hersteller die Zuverlässigkeit ihrer Produkte mit aufwendigen Fernfahrten öffentlich unter Beweis stellten.

Diese Robustheit war zugleich eine wichtige Voraussetzung für die internationale Karriere des 124. Ein Fahrzeug, das in unterschiedlichen Ländern gefertigt, gewartet und über viele Jahre genutzt werden sollte, brauchte eine verständliche Konstruktion und eine belastbare mechanische Basis.

Italienischer Sportwagenbau auf solider Grundlage

Schon im Jahr der Limousinenpremiere erweiterte Fiat die Familie um den 124 Sport Spider. Pininfarina zeichnete die offene Karosserie, vorgestellt wurde sie auf dem Turiner Autosalon im Herbst 1966. Im Frühjahr 1967 folgte in Genf das Sport Coupé aus dem eigenen Centro Stile.

Beide Modelle nutzten die technische Verwandtschaft mit der Limousine, erhielten aber einen eigenständigen Charakter. Vor allem die sportlichen Vierzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen prägten ihren Ruf. Im Laufe der Modellpflege wuchsen Hubraum und Leistung. Damit konnte Fiat aus einer Großserienbasis ein Angebot entwickeln, das vom Familienauto bis zum anspruchsvollen Sportwagen reichte.

Der Spider erwies sich besonders in den Vereinigten Staaten als erfolgreich. Seine Karriere reichte bis 1985, zuletzt unter dem Namen Pininfarina. Fast 200.000 Exemplare entstanden, mehr als drei Viertel davon gingen nach Nordamerika. Die schlichte Limousine hatte damit auch die Grundlage für einen langlebigen italienischen Exporterfolg geliefert. 

Vom offenen Spider zum Werksauto

Die Rallyekarriere begann mit Privatfahrern, die das Potenzial des Sport Spider erkannten. Fiat hatte den offenen Zweisitzer ursprünglich nicht als Wettbewerbsauto geplant. Seine Handlichkeit und die leistungsfähigen Motoren machten ihn dennoch interessant. Mit zunehmenden Erfolgen stieg das Werk stärker ein, Abarth übernahm die gezielte Weiterentwicklung.

1972 gewannen Raffaele Pinto und Gino Macaluso mit dem 124 Sport Spider die Rallye Europameisterschaft. Zu ihren Erfolgen gehörten auch die österreichische Semperit Rallye und die Rallye der 1000 Minuten. Der 124 hatte damit früh einen festen Platz im heimischen Rallyegeschehen.

Mit dem Ende 1972 für die Gruppe 4 homologierten Fiat Abarth 124 Rally wurde aus dem sportlichen Straßenauto ein konsequent vorbereitetes Wettbewerbsfahrzeug. Ein festes Leichtbaudach ersetzte das Stoffverdeck, Aluminiumtüren und Kunststoffhauben senkten das Gewicht. Stoßfänger und entbehrliche Innenausstattung entfielen. Besonders tief griff Abarth am Fahrwerk ein: Anstelle der hinteren Starrachse erhielt die Rallyeversion eine Einzelradaufhängung.

Die Straßenausführung leistete aus rund 1,8 Litern Hubraum 128 PS. Für den Wettbewerb wurden Motor, Getriebe und Fahrwerk laufend weiterentwickelt; die späten Werksautos erreichten mit Vierventiltechnik und Einspritzung mehr als 200 PS. Dazu kamen Sperrdifferenzial, Renngetriebe und die für lange Rallyes erforderliche Ausstattung. 

Auch die Ergebnisse rechtfertigten den Aufwand. Achim Warmbold und Jean Todt gewannen 1973 die Rallye Polen. In Portugal folgten Raffaele Pinto 1974 und Markku Alén 1975. Fiat belegte in der Hersteller Weltmeisterschaft von 1973 bis 1975 jeweils den zweiten Platz. Maurizio Verini holte 1975 einen weiteren Europameistertitel für den 124. Ein Weltmeistertitel blieb ihm allerdings verwehrt. 

1976 übernahm der Fiat 131 Abarth die Rolle des neuen Werksautos. Damit führte Fiat die Entwicklung ausgerechnet mit einer Familienlimousine fort. Der 124 hatte zuvor gezeigt, wie weit sich eine vielseitige Serienbasis im Rallyesport entwickeln ließ.

Ein Auto, viele Produktionsländer

Die größte Wirkung entfaltete der 124 jedoch außerhalb der Sonderprüfungen. SEAT fertigte ihn in Spanien, Tofaş in der Türkei und Premier in Indien. In der Sowjetunion bildete seine Konstruktion die Grundlage der VAZ Modelle, die international unter dem Namen Lada bekannt wurden. Hinzu kamen Montagebetriebe in weiteren Ländern.

Diese Fahrzeuge waren nicht überall unveränderte italienische 124. Die Konstruktion wurde an lokale Produktionsbedingungen, Straßen und Anforderungen angepasst. Gerade darin lag die Stärke des Projekts: Es ließ sich weiterentwickeln und über lange Zeiträume wirtschaftlich fertigen.

Fiat nennt für den 124 und seine internationalen Ableitungen insgesamt mehr als 20 Millionen Fahrzeuge über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten. Auf die eigene Produktion entfielen über 1,5 Millionen Exemplare, darunter mehr als eine Million Limousinen. Die weltweite Zahl beschreibt somit eine ganze Modellverwandtschaft, deren gemeinsamer Ursprung im Turin der sechziger Jahre liegt.

Was vom 124 bleibt

Die Ausstellung zeigt, wie breit Fiat diese Konstruktion nutzen konnte. Familienlimousine, Fernreiseauto, Coupé, Spider und Rallyewagen entstanden aus einer technischen Grundlage, die ausreichend Spielraum für unterschiedliche Aufgaben bot.

Für Fiat liegt darin auch eine aktuelle Frage. Der 124 gewann seine Käufer mit Platz, geringem Gewicht, brauchbarer Technik und überschaubarem Aufwand. Seine internationale Karriere beruhte darauf, dass diese Eigenschaften in sehr unterschiedlichen Märkten gefragt waren. Wer heute an diese Geschichte anknüpfen will, muss vor allem wieder entsprechend überzeugende Autos anbieten.

Die Ausstellung „Mi chiamo Fiat 124“ ist bis Ende November 2026 im Heritage Hub, Via Plava 80 in Turin, zu sehen. Sie ist im regulären Eintritt enthalten. Montags bleibt das Haus geschlossen; unter der Woche sind selbstständige Besichtigungen vorgesehen, am Wochenende geführte Rundgänge. Tickets werden online angeboten.

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