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Lancia Gamma: Die Rückkehr eines großen Namens — oder nur ein eleganter Konzernbruder?

Mit dem neuen Gamma holt Lancia nicht einfach einen historischen Modellnamen aus dem Archiv zurück, vielmehr versuchen die Italiener, eines jener Fahrzeuge neu zu interpretieren, das einst sinnbildlich für die große Zeit der Marke stand: technisch eigenständig, stilistisch mutig und bewusst anders als die deutsche Oberklasse.

Und genau deshalb wird der neue Gamma auch besonders kritisch beobachtet werden müssen.

Die jetzt veröffentlichten ersten Bilder zeigen einen 4,67 Meter langen Crossover-Fastback auf Basis der STLA-Medium-Plattform von Stellantis. Entwickelt und produziert wird das Fahrzeug im italienischen Werk Melfi. Rein technisch betrachtet also jenes Architekturpaket, das innerhalb des Konzerns künftig zahlreiche Modelle tragen wird.

Und an dieser Stelle wird es spannend und herausfordernd.

Denn auf den ersten Blick wirkt der neue Gamma durchaus elegant, sauber proportioniert und wesentlich harmonischer als viele aktuelle SUV-Coupés. Gleichzeitig lässt sich aber auch schwer übersehen, dass die Grundform, die Dachlinie und manche Proportionen stark an aktuelle Stellantis-Modelle erinnern. Man könnte es freundlich als Konzernverwandtschaft bezeichnen. Kritisch formuliert stellt sich allerdings die Frage, ob der neue Gamma tatsächlich wieder ein eigenständiger Lancia wird — oder eher eine besonders stilvoll gezeichnete Interpretation des aktuellen Peugeot-3008-Themas.

Gerade Frontpartie, Silhouette und die stark eingezogene Heckform bewegen sich sehr klar innerhalb jener Formensprache, die Stellantis derzeit konzernweit etabliert. Das muss technisch nichts Schlechtes sein. Die Plattform gilt als modern, effizient und vielseitig. Für eine Marke wie Lancia reicht reine technische Vernunft allerdings nicht aus.

Denn Lancia lebte historisch nie davon, vernünftig zu sein.

Der neue Gamma muss deshalb weit mehr liefern als gute Reichweiten und hochwertige Displays. Er braucht Charakter. Eigenständigkeit. Eine eigene Fahrphilosophie. Und genau diese Punkte lassen sich anhand der ersten Informationen noch nicht abschließend beurteilen.

Technisch fällt das Angebot jedenfalls breit aus. Angeboten wird ein 145 PS starker Hybrid mit über 1.000 Kilometern Gesamtreichweite. Darüber positioniert Lancia mehrere vollelektrische Varianten: von 230 PS mit über 540 Kilometern Reichweite bis hin zur 375 PS starken Allradversion mit bis zu 675 Kilometern Reichweite. Besonders interessant wirkt die Long-Range-Version mit 245 PS und über 740 Kilometern Reichweite — ein Wert, der den Gamma klar als elektrisches Reiseauto positionieren soll.

VarianteLeistungAntriebReichweite
Hybrid145 PSHybridüber 1.000 km
Electric230 PSElektroüber 540 km
Electric Long Range245 PSElektroüber 740 km
AWD375 PSElektro-Allradbis 675 km

Der ursprüngliche Gamma: Als Lancia noch mutig war

Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück.

Als Lancia 1976 den ersten Gamma präsentierte, war das Fahrzeug das neue Flaggschiff der Marke aus Turin. Es entstand in einer Zeit, in der Lancia noch als einer der technisch eigenständigsten Hersteller Europas galt.

Der erste Gamma wurde sowohl als Berlina mit großer Heckklappe als auch als Coupé angeboten. Besonders das von Pininfarina gezeichnete Coupé entwickelte sich später zu einem echten Designklassiker. Elegant, flach, klar gezeichnet und mit jener typisch italienischen Leichtigkeit, die man heute kaum noch findet.

Technisch ging Lancia damals bewusst einen völlig eigenen Weg. Statt eines klassischen Sechs- oder Achtzylinders setzte man auf einen längs eingebauten Vierzylinder-Boxermotor mit Frontantrieb — ungewöhnlich, komplex und wirtschaftlich eigentlich kaum logisch.

Genau das war aber typisch Lancia.

Die Marke baute Autos für Menschen, die Charakter wichtiger fanden als Perfektion. Fahrzeuge mit Eigenheiten, manchmal auch Schwächen, aber immer mit Persönlichkeit.

1980 folgte die zweite Serie mit überarbeiteter Technik, Einspritzanlage und verbessertem Komfort. Der Gamma blieb dennoch ein Außenseiter im Oberklassebereich — und gerade deshalb entwickelte er später Kultstatus.

1984 verschwand der Name schließlich aus dem Modellprogramm.

Die eigentliche Frage

Die Wiederbelebung des Namens Gamma ist deshalb mutig. Denn dieser Name trägt innerhalb der Marke Gewicht. Er steht nicht für Volumen oder Rationalität, sondern für Individualität und italienische Ingenieurskunst.

Und genau daran wird sich der neue Gamma messen lassen müssen.

Denn Reichweiten, Plattformen und Leistungsklassen beherrschen heute viele Hersteller. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Schafft es Lancia tatsächlich wieder, ein Auto mit eigener Seele zu bauen — oder bleibt am Ende vor allem der Eindruck eines sehr elegant gekleideten Konzernprodukts mit italienischem Logo?

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