Kommentar: Achim Mörtl
4,24 Millionen Dollar für einen Maserati Tipo 61 aus dem Jahr 1959. Das ist, um es wenig wissenschaftlich auszudrücken, eine Menge Patzen Geld. Ob ein altes Auto tatsächlich so viel wert sein kann, darüber lässt sich natürlich streiten. Nur ist der Birdcage eben irgendwann mehr geworden als ein altes Auto, dem Laufe der Zeit sei gedankt. Er ist Rennwagen, Zeitzeuge, technische Skulptur, Kunstwerk – und mittlerweile natürlich auch Investment.
Ich gebe zu, bei 4,24 Millionen Dollar für ein Auto muss auch ich kurz nachdenken. Nicht gerade darüber, ob ich ihn kaufen soll, diese Entscheidung nimmt mir ein Blick auf das Bankkonto relativ schnell ab, sondern darüber, was ein Auto eigentlich wert sein kann. Denn mit technischen Daten kommen wir hier nicht weit.
250 PS sind heute nichts Besonderes. 285 km/h sind schnell, aber bei weitem nicht mehr sensationell. Bescheidenes Fahrwerk und Bremsen, zu heutigen Verhältnissen natürlich, keine Klimaanlage, keine Assistenzsysteme, kein Infotainment, vermutlich nicht einmal eine brauchbare Ablage fürs Mobiltelefon. Nach heutiger Autotest-Logik schaut es also eher sehr bescheiden aus.
Trotzdem wurden bei der Gooding Christie’s Pebble Beach Auction in Kalifornien 4,24 Millionen Dollar für einen Maserati Tipo 61 „Birdcage“ aus dem Jahr 1959 bezahlt. Erwartet worden waren drei bis vier Millionen. Damit wurde ein neuer Auktionsrekord für dieses Modell erzielt.
Absurd? Vielleicht?

Aber versuchen wir einmal, den Wert eines Picasso über die Kosten für Leinwand und Farbe zu berechnen. Da kommen wir vermutlich zu einem ähnlich wenig hilfreichen Ergebnis.
Wo Technik plötzlich schön wird
Der Maserati Tipo 61 stammt aus einer Zeit, in der Autos und vor allem Rennwagen erst recht nicht schön sein mussten. Sie sollten funktionieren und vor allem schnell sein, ausgelegt auf pure Geschwindigkeit, gebaut um zu siegen, ohne Kompromisse, ohne viel Sicherheitsreserven im Falle eines Unfalles.
Und manchmal entstand gerade daraus etwas außergewöhnlich Schönes, Individuelles, Einzigartiges und heute nach 65 Jahren was Zeitloses.
Der Birdcage ist dafür ein wunderbares Beispiel. Flach, offen, unglaublich filigran, mit langer Motorhaube, weit ausgeschnittenen Radhäusern und einem Cockpit, das aussieht, als hätte man rund um den Fahrer gerade noch so viel Auto gebaut, wie unbedingt notwendig war um nicht hinauszufallen.
Das Interessanteste sieht man allerdings erst unter der Karosserie.
Maserati-Ingenieur Giulio Alfieri suchte Ende der fünfziger Jahre nach einer Konstruktion, die möglichst leicht und gleichzeitig verwindungssteif sein sollte. Seine Lösung bestand aus rund 200 Stahlrohren mit lediglich zehn bis 15 Millimetern Durchmesser, die zu einem komplexen räumlichen Gitter verschweißt wurden.

Wenn man diese Konstruktion heute betrachtet, muss man eigentlich zweimal hinschauen, schaut sie weniger nach klassischem Automobilbau aus als nach einer technischen Skulptur. Ein Geflecht aus dünnen Rohren, das ein bisschen an einen Vogelkäfig erinnert und dem Auto so ganz nebenbei seinen Namen gab: Birdcage.
Und nein, dafür brauchte man damals offenbar noch keine Marketingabteilung, die in mehreren Meetings darüber diskutierte, welche englische Wortkreation möglichst emotional, international und markenkompatibel klingt.
Man schaute das Ding an.
Vogelkäfig.
Birdcage.
Fertig.
600 Kilogramm. Heute unvorstellbar!
1959 entstand zunächst der Tipo 60 mit einem Zweiliter-Vierzylinder und 200 PS. Noch im selben Jahr entwickelte Maserati daraus den Tipo 61. Der Vierzylinder wuchs auf 2.890 Kubikzentimeter und 250 PS bei 6.800/min. Um Schwerpunkt und Bauhöhe niedrig zu halten, wurde der vorne eingebaute Motor um 45 Grad geneigt.
Und das Ganze war um nur 600kg zu haben, was weitaus beeindruckender ist als die 285 km/h Höchstgeschwindigkeit. Zwar auch für damalige Zeit beeindruckend aber eben nicht wirklich sensationell.
Heute wiegen manche Elektroauto-Batterien mehr. Natürlich ist dieser Vergleich technisch unfair und ein Birdcage erfüllt ungefähr null moderne Sicherheitsanforderungen. Trotzdem zeigt die Zahl recht eindrucksvoll, nach welcher Philosophie dieser Rennwagen entstand.
Weglassen, was nicht notwendig ist. Leicht machen, was übrig bleibt. Und dann möglichst schnell damit fahren.
Maserati Tipo 61 „Birdcage“ – technische Daten
| Maserati Tipo 61 Birdcage | |
|---|---|
| Baujahr | ab 1959 |
| Konstrukteur | Giulio Alfieri |
| Motor | Reihenvierzylinder |
| Hubraum | 2.890 cm³ |
| Leistung | 250 PS bei 6.800/min |
| Antrieb | Hinterrad |
| Chassis | Gitterrohrrahmen |
| Rahmen | ca. 200 Stahlrohre |
| Rohrdurchmesser | ca. 10–15 mm |
| Karosserie | Aluminium |
| Gewicht | ca. 600 kg |
| Leistungsgewicht | ca. 2,4 kg/PS |
| Höchstgeschwindigkeit | 285 km/h |
| Stückzahl | 17 Tipo 61 |
Und schnell war er tatsächlich
Das Schöne an historischen Rennwagen ist ja, dass sich die Legende zumindest teilweise überprüfen lässt. Am Ende gibt es eine Historie zum Fahrzeug, Aufzeichnung wer wo damit gefahren, oder noch besser gewonnen hat, denn das macht dann das Fahrzeug auch gleich richtig teuer. Und der Tipo 61 hat gewonnen, gleich mehrmals, bei damals berühmten Rennen.
1960 gewannen Stirling Moss und Dan Gurney die 1000 Kilometer auf dem Nürburgring. 1961 folgte der nächste Gesamtsieg durch Masten Gregory und Lloyd Casner für das Camoradi-Team.

Gerade auf der Nordschleife spielte das Konzept seine Stärken aus. Wenig Gewicht, gutes Handling und dazu ein vergleichsweise geringer Kraftstoffverbrauch, der bei Langstreckenrennen weniger Tankstopps ermöglichte.
Der Birdcage sieht also nicht nur schnell aus. Er war es.
Und genau da wird die Sache mit dem heutigen Wert interessant. Denn einen ähnlich aussehenden Rennwagen könnte man nachbauen. Wahrscheinlich sogar steifer, stärker, präziser und zuverlässiger. Nur wäre es eben nicht jener Maserati, mit dem Stirling Moss und Dan Gurney 1960 die 1000 Kilometer auf dem Nürburgring gewonnen haben. Und genau das kann man sich selbst mit viel Geld nicht nachbauen.
Nur 17 Stück
Vom Tipo 61 wurden übrigens gerade einmal 17 Exemplare gebaut. Und spätestens hier driften wir mal kurz von der automobilen Schönheit zur ziemlich profanen Marktwirtschaft ab. Wenig Angebot, entsprechende Nachfrage, fertig ist der Preis.
Natürlich ist es etwas komplizierter. Zustand, Originalität, Historie, Renneinsätze, frühere Besitzer und eine lückenlose Dokumentation spielen bei historischen Rennwagen eine gewaltige Rolle. Aber letztlich gelten auch hier die ältesten Regeln des Marktes. Wenn mehrere sehr vermögende Menschen etwas unbedingt haben wollen, das nur 17-mal gebaut wurde und von dem heute entsprechend weniger originale Exemplare existieren, wird es teuer.
Sehr teuer.
Und plötzlich ist der Rennwagen nicht mehr nur Leidenschaft, sondern Asset.

Wenn aus dem Rennwagen ein Investment wird
Das kann man durchaus kritisch sehen. Denn wahrscheinlich wurde kein Birdcage 1959 mit dem Gedanken gebaut, einmal auf Teppichboden unter perfekter Beleuchtung zu stehen, während daneben ein Schild seinen siebenstelligen Wert erklärt.
Diese Autos wurden gebaut, um Rennen zu fahren.
Sie wurden warm. Sie wurden schmutzig. Es gingen Dinge kaputt. Fahrer rutschten damit von der Strecke, Mechaniker hämmerten sie wieder gerade und am nächsten Wochenende ging es weiter. Heute kann ein Steinschlag bei einem Auto dieser Kategorie schon eine Diskussion über Originalsubstanz auslösen.
Das ist ein bisschen absurd, und andererseits müssen wir fair bleiben. Denn genau diese Millionenwerte sind wahrscheinlich mit ein Grund dafür, warum solche Autos heute überhaupt noch existieren.
Der goldene Käfig
Ich finde diesen Widerspruch besonders spannend. Natürlich würde ich einen Birdcage lieber auf einer Rennstrecke sehen und vor allem hören, als ihn irgendwo in einer klimatisierten Privatsammlung dahinvegetieren zu wissen. Denn ein Rennwagen gehört für mich grundsätzlich auf eine Rennstrecke, gehört gefahren, dafür wurde er konstruiert, gefahren und raubte dem Konstrukteur wohl auch schlaflose Nächte, sein Fahrzeug noch besser zu machen.
Nur ist die romantische Vorstellung vom enthusiastischen Besitzer, der seinen historischen Rennwagen jedes Wochenende bewegt und nebenbei liebevoll erhält, eben auch nur die halbe Wahrheit. Historische Renntechnik am Leben zu erhalten kostet richtig Geld. Motoren müssen revidiert werden. Nicht mehr vorhandene Teile werden nachgefertigt. Spezialisten, die solche Technik überhaupt noch verstehen, werden weniger. Karosserien müssen erhalten, Dokumentationen gesichert und Originalteile restauriert werden.
Und wenn ein Auto 4,24 Millionen Dollar wert ist, macht das jemand, sehr gewissenhaft sogar.
Vielleicht ist der Millionär, der seinen Birdcage in einer Sammlung verschwinden lässt, deshalb nicht nur der Bösewicht dieser Geschichte. Vielleicht ist er gleichzeitig dessen Lebensversicherung. Er nimmt uns das Auto ein Stück weit weg. Aber er sorgt auch dafür, dass es noch da ist.

Autos als Kunstwerke
Und dann bleibt natürlich die Schönheit.
Geschmack ist individuell, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Trotzdem glaube ich, dass es Automobile gibt, bei denen sich sehr viele Menschen darauf einigen können, dass sie mehr sind als eine Ansammlung technisch notwendiger Bauteile.
Beim Birdcage gehört sogar das, was unter der Karosserie liegt, dazu. Diese rund 200 dünnen Stahlrohre sind Konstruktion und Kunstwerk zugleich. Darüber die handgeformte Aluminiumhaut, darunter ein großer Vierzylinder, dahinter der Fahrer und sonst eigentlich nicht besonders viel.
Kein Element möchte einem erklären, wie sportlich oder emotional dieses Auto ist. Man sieht es, einfach, basta!
Vielleicht ist genau das ein Grund, warum solche Autos Jahrzehnte überleben, während manche modernen Fahrzeuge bereits wenige Jahre nach ihrem Produktionsende seltsam austauschbar wirken.
Das soll kein „Früher war alles besser“ sein. Das wäre Unsinn.
Heutige Autos sind um Welten sicherer, sauberer, zuverlässiger und in vielen Fällen absurd schnell. Moderne Konstrukteure müssen Anforderungen unter einen Hut bringen, von denen Giulio Alfieri 1959 vermutlich nicht einmal träumen wollte und wohl auch keine Ahnung hatte, mit welcher Flut an Regulationkritierien man sich heute auseinandersetzen MUSS:
Aber die größere Perfektion führt eben nicht automatisch zur größeren Faszination.
Ist er 4,24 Millionen Dollar wert?
Ich weiß es nicht. Und genau das ist vielleicht die richtige Antwort.
Man kann Stahl wiegen. Man kann 250 PS messen. Man kann nachlesen, wer 1960 am Nürburgring gewonnen hat und dass nur 17 Tipo 61 gebaut wurden.
Aber welchen Wert Schönheit, Geschichte, Einzigartigkeit und Begehrlichkeit besitzen, dafür gibt es keine Maßeinheit.
Da unterscheidet sich ein Birdcage irgendwann tatsächlich nicht mehr besonders stark von einem Gemälde.
Für den einen sind es ein paar Quadratmeter Leinwand mit Farbe darauf. Für den anderen ein Meisterwerk.
Und irgendwo steht dann jemand bei einer Auktion auf und bezahlt 4,24 Millionen Dollar dafür.
Vielleicht als Liebhaber.
Vielleicht als Investor.
Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.
Mir bleibt ohnehin nur die billigere Variante: ihn anzusehen und mich darüber zu freuen, dass Menschen vor 67 Jahren auf die Idee gekommen sind, aus rund 200 dünnen Stahlrohren, etwas Aluminium und einem 2,9-Liter-Vierzylinder so etwas zu bauen.
Der Maserati Tipo 61 ist 67 Jahre alt.
Alt sieht er deshalb noch lange nicht aus. Und wohl für immer zeitlos schön.
Photocredits © Mathieu Heurtault Courtesy of Gooding & Company, LLC
















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