Nach elf Jahren endet für DS Automobiles das Engagement in der Formel E. Eine Ära, in der die junge französische Marke vier Weltmeisterschaften gewann, vor allem die GEN2-Generation dominierte, technologische Kompetenz aufbaute und sich gegen einige der größten Namen der Automobilindustrie behauptete. Künftig richtet DS einen Teil seines sportlichen Engagements neu aus und engagiert sich im SailGP.
Zum Abschied konnten wir mit DS Automobil Marketing-Direktor Bastian Schupp im Zuge des letzten Laufes der Formal E in London sprechen, der ungewöhnlich offen über Erfolge und Versäumnisse, über die Schwierigkeiten der Formel E beim klassischen Motorsportpublikum, den tatsächlichen Technologietransfer in die Serie und darüber, weshalb ein Rennboot für eine Automarke plötzlich interessant sein kann, Auskunft gab.
Nach elf Jahren Formel E: Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden?
BS: Natürlich hätten wir uns in den vergangenen beiden Saisonen bessere Resultate gewünscht. Wir haten großartige Erfolge mit 4 Weltmeistertitel und 19 Rennsiegen, aber gerade diese Saison war für uns extrem schwierig. Mit dem Sieg von Taylor Barnard im letzten Rennen hier in London, konnten wir aber einen sehr schönen Abschluß setzen.
Aus Marketingsicht gibt es aber noch einen anderen Punkt, den ich manchmal bedaure: Vielleicht hätten wir aus unseren erfolgreichen Jahren mehr machen müssen. Wenn ich sehe, wie manche Teams trotz sehr schlechter Resultate enorm viel Aufmerksamkeit erzeugen, denke ich mir manchmal, dass wir unsere Erfolge stärker hätten kommunizieren sollen.
Wir haben damals große Hersteller geschlagen, die deutschen Marken, Jaguar, Porsche. Vielleicht hätten wir zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr Lärm darum machen sollen. Denn die meisten Menschen kennen am Ende die tatsächlichen Resultate ohnehin nicht.

Warum beendet DS das Engagement gerade jetzt?
BS: Wir hatten das Gefühl, dass wir in der Formel E erreicht haben, was wir erreichen wollten. Nach elf Jahren gehören wir zu den erfolgreichsten Herstellern der Meisterschaft. Wir haben vier Weltmeisterschaften gewonnen und konnten hier bei den letzten beiden Rennen die 2.000 Punkte-Marke überschreiten und einen weiteren Meilenstein setzen.
Gleichzeitig haben wir technologisch sehr viel gelernt und dieses Wissen für unsere elektrischen Serienfahrzeuge genutzt. Irgendwann kommt aber der Zeitpunkt, an dem man auch intern, gegenüber den Händlern und gegenüber den Medien merkt: Man kann dieselbe Geschichte nicht unbegrenzt weitererzählen.
Deshalb wollten wir etwas Neues. Etwas, das wieder für Innovation, Technologie und Emotion steht.
Wie wichtig war die Formel E für die Entwicklung von DS als Marke?
BS: Sehr wichtig. Was wir durch die Formel E gewonnen haben, war vor allem Glaubwürdigkeit.
Als wir begonnen haben, war DS eine sehr junge Marke. Gleichzeitig war auch die Formel E noch sehr jung. In gewisser Weise sind wir gemeinsam gewachsen und haben voneinander profitiert.
Für eine französische Marke ist es nicht selbstverständlich, sofort als technologischer Vorreiter wahrgenommen zu werden. In der Formel E konnten wir gegen einige der größten Namen der Automobilindustrie antreten und sie schlagen. Das hat uns sehr viel technologische Glaubwürdigkeit gegeben.
Dazu kam globale Sichtbarkeit. Genau deshalb sind wir ursprünglich in die Formel E eingestiegen. Wir wollten zeigen, dass DS nicht nur für Avantgarde steht sondern auch technologisch ganz vorne mitmischen kann.

Hat sich dieses Engagement tatsächlich auf die Entwicklung der Straßenfahrzeuge ausgewirkt?
BS: Ja. Wir konnten in der Formel E technologisch sehr viel lernen. Besonders beim Energiemanagement, bei der Effizienz, der Rekuperation und natürlich bei Daten und Software.
Wenn man sich anschaut, wo unsere elektrischen Serienfahrzeuge heute stehen, sieht man diese Entwicklung. Beim DS N°8 sprechen wir von rund 750 Kilometern Reichweite, beim DS N°7 von rund 740 Kilometern.
Natürlich lässt sich nicht jedes Bauteil eines Formel-E-Autos direkt auf ein Straßenfahrzeug übertragen. Aber das Wissen darüber, wie man Energie möglichst effizient nutzt und Systeme optimiert, ist sehr wertvoll.
Warum wird die Formel E Ihrer Meinung nach trotz dieser technologischen Entwicklung noch immer unterschätzt?
BS: Das ist eine schwierige Frage. Die Formel E wollte von Anfang an bewusst einen anderen Weg gehen. Man wollte nicht auf klassischen Rennstrecken fahren, sondern mitten in die Städte gehen. Elektromobilität sollte sichtbar gemacht und eine andere Botschaft vermittelt werden.
Für den klassischen Motorsportfan war das allerdings nicht immer einfach. Es gab keinen traditionellen Motorsound, die Geschwindigkeiten waren anfangs geringer und manche Regeln waren kompliziert.
Wenn ich mit wirklichen Hardcore-Petrolheads spreche, habe ich noch immer den Eindruck, dass manche von ihnen die Formel E nicht als vollständig ernstzunehmende Motorsportdisziplin betrachten.
Aber die Fahrzeuge werden immer leistungsfähiger. Deshalb wird es interessant zu beobachten sein, wie sich Formel 1 und Formel E künftig nebeneinander entwickeln.

Liegt das Problem möglicherweise auch darin, dass die Formel E für Außenstehende schwer verständlich ist?
BS: Teilweise ja. Sobald man die Formel E versteht, sind die Rennen meiner Meinung nach teilweise sogar aufregender als traditionelle Rennen. Es passiert ständig etwas. In gewisser Weise ist das näher an Gaming, weil permanent taktische Entscheidungen getroffen werden und sich Situationen verändern.
Aber man muss zunächst verstehen, was dort passiert. Andere Sportarten erschließen sich einem Zuschauer unmittelbarer.
Dazu kam in früheren Jahren, dass die Ergebnisse teilweise sehr unberechenbar waren. Ich erinnere mich an eine Saison, in der vor dem letzten Rennen noch ungefähr elf Fahrer Weltmeister werden konnten. Das ist zwar spektakulär, aus Sicht der Hersteller kann es aber auch den Eindruck einer Lotterie vermitteln.
Die Stabilisierung der sportlichen Rahmenbedingungen war deshalb wichtig.
Kann die Formel E irgendwann auf einem ähnlichen Niveau wie die Formel 1 stehen?
BS: Das weiß ich nicht. Und vielleicht sollte das auch gar nicht das Ziel sein.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Formel E einen direkten Vergleich mit der Formel 1 unbedingt vermeiden sollte. Sie sollte weiterhin bewusst anders sein.
Die Formel E hat bereits ein anderes und jüngeres Publikum erreicht. Gleichzeitig verändert sich auch die Formel 1. Netflix und andere Entwicklungen haben dort enorm geholfen, neue Zielgruppen anzusprechen und sich von dem klassischen Bild des über 50-jährigen Mannes zu lösen, der am Sonntag auf dem Sofa ein Rennen schaut.
Für die Formel E gibt es ebenfalls große Möglichkeiten. Aber sie sollte ihre eigene Identität weiterentwickeln.
Disney kommt nun als Partner zur Formel E. Wie wichtig könnte das für die Meisterschaft werden?
BS: Das sind sehr gute Nachrichten für die Formel E. Es wird der Meisterschaft zusätzliche Sichtbarkeit geben und vor allem mehr Stabilität.
Bislang konnte es durchaus schwierig sein herauszufinden, wo ein Formel-E-Rennen in einem bestimmten Land überhaupt übertragen wird. Ein großer globaler Partner kann dabei enorm helfen.
Für die weitere Entwicklung der Formel E halte ich das für einen wichtigen Schritt.

DS wechselt nun in Richtung SailGP. Für einen Automobilhersteller ist der technische Zusammenhang dort zunächst weniger offensichtlich. Geht es dabei vor allem um Markenpräsenz?
BS: Es geht um beides. Aber Sichtbarkeit ist zunächst einmal der wichtigste Zweck.
Wir sind Hauptpartner des französischen Teams, was uns insbesondere in Frankreich eine sehr große Präsenz ermöglicht. Gleichzeitig gibt es aber durchaus technologische Bereiche, die für uns interessant sind.
Bei einem Automobilhersteller in der Formel E ist der Zusammenhang natürlich sofort sichtbar. Man sieht das Auto und versteht, dass beispielsweise beim Antrieb Technologien entwickelt werden können, die irgendwann auch für Straßenfahrzeuge interessant sind.
Beim SailGP ist dieser Zusammenhang weniger offensichtlich.

Wo liegen dann die technologischen Gemeinsamkeiten?
BS: Zum Beispiel beim Leichtbau, bei der Aerodynamik und vor allem bei Daten. Die Boote bewegen sich auf ihren Foils und fliegen gewissermaßen über das Wasser. Dadurch spielen aerodynamische Fragestellungen eine enorme Rolle.
Dazu kommen Datenanalyse und Predictive Maintenance. Das sind Themen, mit denen wir uns auch in der Formel E intensiv beschäftigt haben.
Wir stehen hier allerdings erst am Anfang. Unsere Ingenieure arbeiten nun gemeinsam daran herauszufinden, was beide Seiten voneinander lernen können.
Warum gerade das französische SailGP-Team?
BS: Die Verbindung zu Frankreich war für uns sehr wichtig. Wir wollen uns wieder stärker auf unsere Heimatmärkte konzentrieren. Das war eine der Motivationen hinter dieser Entscheidung.
Wir haben damit Technologie, Emotion und gleichzeitig eine sehr starke Verbindung zu Frankreich.
DS hat in der Formel E immer mit bestehenden Teams zusammengearbeitet. Andere Hersteller setzen inzwischen auf vollständige Werksteams. War das jemals ein Nachteil?
BS: Unsere Ergebnisse zeigen eigentlich das Gegenteil.
Vor allem mit der zweiten Generation waren wir ausgesprochen erfolgreich. Mit dem richtigen Partner kann dieses Modell genauso erfolgreich funktionieren wie ein vollständiges Werksteam.
Natürlich bringt eine Partnerschaft zusätzliche Komplexität mit sich. Man muss Entscheidungen gemeinsam treffen und ist nicht immer derselben Meinung. Aber unsere Resultate haben gezeigt, dass diese Form der Zusammenarbeit funktionieren kann.
Zum Abschied fährt DS mit einer speziellen goldenen Lackierung. Welche Bedeutung hat sie?
BS: Zum einen wollten wir damit Aufmerksamkeit erzeugen, zum anderen unsere Geschichte würdigen. Gold und Schwarz waren immer wichtige Farben für DS.
Gold ist außerdem wesentlich sichtbarer und für einen solchen Abschied eine passende Farbe. Wir wollten damit die gemeinsame Zeit und die Erfolge in der Formel E feiern.
Wird es zum Abschied auch ein spezielles Formel-E-Sondermodell für die Straße geben?
BS: Wir haben darüber nachgedacht. Mit der Performance Line haben wir bereits eine Ausstattungslinie, die Schwarz und Gold aufgreift und damit auch Elemente unserer Formel-E-Geschichte übernimmt.
In Zukunft wird es aber wahrscheinlich keine spezielle Formel-E-Edition mehr geben, weil wir die Meisterschaft verlassen. Die Performance Line wird natürlich weiterbestehen, aber nicht mehr unmittelbar auf der Formel E basieren.

Was passiert mit DS Performance?
BS: DS Performance ist Teil von Stellantis Motorsport. Die Strukturen werden entsprechend weiterverwendet.
Stellantis bleibt schließlich im Motorsport aktiv, unter anderem im Langstreckensport und auch weiterhin in der Formel E. Die vorhandenen Teams und Kompetenzen werden deshalb in unterschiedlichen Bereichen weiter eingesetzt.
Was werden Sie persönlich an der Formel E am meisten vermissen?
BS: Die Menschen und diese besondere Gemeinschaft.
DS Performance ist eine große Familie, aber auch die gesamte Formel-E-Community hat über die Jahre etwas Familiäres entwickelt. Wir haben gemeinsam sehr intensive Momente erlebt.
Natürlich werde ich auch die technologische Herausforderung vermissen, ständig neue Dinge ausprobieren und entwickeln zu können.
Aber wahrscheinlich ist es tatsächlich dieses Gefühl einer großen Familie, das mir am meisten fehlen wird.
Wenn Sie heute noch einmal vor der Entscheidung stünden, mit DS in die Formel E einzusteigen – würden Sie es wieder tun?
BS: Ja.
Wenn ich diese Entscheidung heute noch einmal treffen müsste, würde ich genau dasselbe tun.




























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