MOTORWELT

DS No. 8 Reichweitentest Österreich – Schluss mit den Stammtischkilometern

Es gibt Debatten, deren Halbwertszeit jede technische Evolution mühelos überdauert. Die Frage nach der Reichweite und Sinnhaftigkeit von Elektrofahrzeugen gehört zweifellos in diese Kategorie des unerschütterlichen und fast schon religionenhaften Kulturkampfs. Kaum verlässt ein neues Modell die Werkstore der Automobilindustrie, spult das Kollektiv der Zweifler und Stammtischexperten das immer gleiche, selbstreferenzielle Fragenprogramm ab: „Und wie weit kommt man wirklich?“, dicht gefolgt vom gönnerhaften „Das gilt doch nur bergab“ oder dem ultimativen, im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Verdacht: „Mit 90 km/h hinterm Lkw vielleicht.“

Das Bemerkenswerte an diesem Phänomen ist indes weniger die Redundanz der Fragen als vielmehr die Gewissheit, mit der sie beantwortet werden, vorzugsweise von Zeitgenossen, die die diskutierte Strecke noch nie im Leben, und schon gar nicht elektrisch, zurückgelegt haben. Die automobile Praxis hat es gegen die sedimentierte Theorie am Stammtisch seit jeher schwer. Wo Fakten fehlen, wächst bekanntlich das Resssentiment.

Genau deshalb haben wir bei dieser Fahrt auf Hochrechnungen, mathematische Idealszenarien und die üblichen Pro-und-Contra-Meinungskriege verzichtet. Wir haben das Naheliegendste, fast schon Anachronistische getan: Wir sind gefahren. Nicht auf einer abgesperrten Teststrecke, nicht im Rahmen einer künstlich laborierten Effizienz-Challenge und erst recht nicht mit jenem hypernervösen Geiz-Ehrgeiz, der durch demonstratives Schleichen auf der rechten Spur hinter dem LKW absurde Verbrauchswerte erzwingen will. Sondern exakt so, wie Österreich täglich unterwegs ist.

Die Route glich einer automobilen Reifeprüfung: Vom äußersten Westen des Landes in Vorarlberg, genauer gesagt aus dem Montafon, über die Bundeshauptstadt Wien bis hinunter nach Kärnten. Knapp 1.000 Kilometer quer durch eine Topografie, die von Autobahnen, chronischen Baustellen, zähem Urlauberverkehr und jenen Abschnitten geprägt ist, auf denen die gesetzlich erlaubten 130 km/h nicht nur ein theoretischer Richtwert sind, sondern selbstverständlich genutzt wurden. Kurzum: Es ging nicht um einen PR-Rekord, sondern um die ungeschönte Realität.

Schon die Anreise ins „Ländle“ verweigerte sich der Bequemlichkeit. Statt den Wagen stumpf durch die Tunnelstrukturen des Westens zu dirigieren, wählten wir den Weg über die Großglockner-Hochalpenstraße. Ein Terrain, das den Stammtisch-Strategen eigentlich als finale Richtstätte für das schwere Batterieauto gilt. Bergauf fordert das Gewicht naturgemäß seinen Tribut im Momentanverbrauch. Bergab jedoch transformierte sich der DS N°8 Long Range in eine hocheffiziente Energie-Rückgewinnungsmaschine. Es war die erste Lektion des Roadtrips: Wer die Physik versteht, rekuperiert sich die Reichweite auf dem Weg ins Tal einfach wieder zurück. Die jahrelangen Investitionen der französischen Premiummarke in die Formel E erwiesen sich hier nicht als Marketing-Floskel, sondern als spürbarer Effizienzgewinn im Seriencode, und wir kamen im Montafon mit einem Verbrauch von rund 17,7kWh/100km an.

Der eigentliche Härtetest begann in Gaschurn. Erst nach stattlichen 491 Kilometern steuerten wir in Amstetten den ersten geplanten Ladestopp mit einer Batterierestkapazität von 27% an. Bis zu diesem Zeitpunkt notierte der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von lediglich 16,1 kWh pro 100 Kilometer. Zur Einordnung für die Fraktion der permanenten Skepsis: Bei der anschließenden Ankunft am Cobenzel in Wien, nach exakt 623 Kilometern, verblieb trotz der zügigen und konstanten 130 km/h-Etappen auf der Westautobahn eine nutzbare Restkapazität von 66 Prozent im 97,2-kWh-Akku. Von der viel beschworenen Reichweitenangst, diesem psychologischen Konstrukt der E-Mobilitäts-Gegner, fehlte jede Spur. Wer auf dieser Distanz keine Pause einlegt, riskiert ohnehin keine leere Batterie, sondern eine biologische Überforderung der eigenen Blase.

Mindestens ebenso aufschlussreich geriet die Demontage eines weiteren Vorurteils: der Ladedauer. Unmittelbar nach dem Anstecken zog der DS N°8 rund 144 kW Ladeleistung aus der Säule, pendelte sich nach knapp drei Minuten bei stabilen 155 bis 158 kW ein und verharre dort nahe dem technischen Maximum. Es ist eine der großen Lebenslügen der automobilen Quartettspieler, nur auf den kurzfristigen Peak-Wert im Datenblatt zu schielen. In der Realität der Langstrecke entscheidet einzig die Plateau-Leistung über die Dauer des Kaffeestopps. Nach einer kurzen Pause war der Energiespeicher bereits wieder zu 92 Prozent gefüllt – genug, um das Thema Ladestopp für den restlichen Tag ad acta zu legen.

Selbst die Bundeshauptstadt markierte nur eine Zwischenstation. Am selben Abend folgte die Schlussetappe nach Kärnten. Wieder bestimmten Baustellen, das abendliche Verkehrsaufkommen und die anspruchsvollen Steigungen über den Semmering und die Pack den Rhythmus. Und wieder galt das Dogma: Wo es der Verkehrsfluss erlaubte, wurde die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h gefahren. Nicht langsamer, um den Verbrauch künstlich zu schönen. Aber eben auch nicht schneller, als es Vernunft und Gesetzgeber diktieren.

Am finalen Zielort in Kärnten bilanzierte das System nach exakt 933 gefahrenen Kilometern einen Gesamt-Durchschnittsverbrauch von 17,4 kWh pro 100 Kilometer.

Diese Zahl wirkt auf den ersten Blick fast unspektakulär. Genau in dieser Unaufgeregtheit liegt jedoch ihre Sprengkraft für die traditionelle Debattenkultur. Dieser Wert entstand nicht im Vakuum. Niemand hat den Gegenwind ausgeschaltet, niemand den dichten Verkehr auf der A1 verboten. Es gab keine verzweifelte Windschattensuche hinter osteuropäischen Sattelzügen, um anschließend stolze Screenshots in den sozialen Netzwerken zu inszenieren. Es wurde schlicht Auto gefahren.

Vielleicht liegt genau hier das Kernproblem der gegenwärtigen Debatte um die Elektromobilität: Sie wird mit bemerkenswerter Ausdauer an den extremen Rändern geführt. Während die eine Seite mit klinischen Rekordfahrten unter Laborbedingungen jede Kritik im Keim ersticken will, erklärt die Gegenseite das Elektroauto spätestens an der ersten Autobahnsteigung für fundamental untauglich. Beide Positionen haben mit der Lebenswirklichkeit der Autofahrer nichts zu tun.

Der Alltag bewegt sich dazwischen. Und genau dort funktioniert diese neue Generation von Langstrecken-Stromern erstaunlich geräuschlos. Nicht, weil sie die Gesetze der Thermodynamik außer Kraft setzen, sondern weil sie demonstrieren, wie obsolet die alten Argumente geworden sind. Wer heute quer durch Österreich reist, muss sein Leben nicht mehr um das Auto herum organisieren. Das Fahrzeug fügt sich elastisch in den Rhythmus des Fahrers ein.

Die Reichweite ist im Jahr 2026 längst nicht mehr die Sollbruchstelle der Technologie. Die viel entscheidendere Frage lautet, ob ein Automobil solche Distanzen ohne Stress, ohne paranoide Vorausplanung und ohne Komfortverzicht bewältigt. Nach knapp 1.000 Kilometern durch die österreichische Topografie fällt die Antwort bemerkenswert eindeutig aus. Die lautesten und hitzigsten Diskussionen über die Unmöglichkeit des elektrischen Reisens fanden auf dieser Fahrt jedenfalls nicht auf der Autobahn statt. Sie fanden – wie so oft – dort statt, wo dieses Auto nie ankommen wird: am Stammtisch.

Der Reichweitentest in Daten

Etappe /
Messpunkt
Distanz
(kumuliert)
Profil /
Fahrweise
Durchschnitts-
verbrauch
Status /
Restakku
Prolog: Kärnten ➔ Vorarlberg613 kmInkl.
Großglockner-
Hochalpen-
straße
17,5 kWh / 100
km
Ankunft im
Montafon
Härtetest:
Gaschurn ➔
Salzburg
~ 300 kmZwangs-
umleitung ab
Kufstein über
Landstraßen bis
Rosenheim
~ 15,5 kWh /
100 km
Im fließenden
Verkehr
1. Ladestopp:
Amstetten

491 km
Ab Salzburg
Tempomat starr
auf gesetzlichen 
130 km/h
16,1 kWh / 100
km
Geplanter
Stopp
27% –> 92%
Zwischenziel:
Wien
627 kmWeiterfahrt
nach dem Laden
16,6 kWh / 100
km
66 %
Restkapazität
Finales Ziel: Kärnten933 kmAbendetappe
über Semmering
Zwischenstop
Neumarkt
17,4 kWh / 100 kmTestende

Die technischen Daten: DS N°8 Long Range

ParameterTechnische Spezifikation / Daten
AntriebFrontantrieb (FWD) mit Permanentmagnet-
Synchronmotor
Leistung170 kW / 231 PS
Drehmoment345 Nm
Batterie-Kapazität97,2 kWh netto (102 kWh brutto),
Lithium-Ionen
Plattform / ArchitekturSTLA Medium / 400-Volt-System
Reichweite (WLTP)Bis zu 750 km
Offizieller Verbrauch (WLTP)15,9 – 17,3 kWh / 100 km
Maximale DC-Ladeleistung160 kW
Ladezeit (20 % auf 80 %)ca. 27 Minuten (unter Idealbedingungen)
AC-Ladeleistung (Bordlader)11 kW (optional 22 kW)
Aerodynamik (cW​-Wert)0,24
Abmessungen (L x B x H)4,82 m x 1,90 m x 1,58 m
Radstand2,90 m
Leergewichtca. 2.160 kg

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