Mit dem ATTO 8 stellt BYD auf der Pariser Motorshow ein elektrisches SUV mit sieben Sitzen, bis zu 775 PS und einer 115-kWh-Batterie vor. Die wichtigste Neuerung betrifft allerdings die Zeit an der Ladesäule: Neun Minuten von zehn auf 97 Prozent nennt der Hersteller. Achim Mörtl war für uns in Paris und hat sich den BYD Atto 8 näher angesehen. Ein Auto, dessen technische Eckdaten auch Europas etablierte Marken beschäftigen sollten.
Europas Autohersteller haben über Jahrzehnte viel dafür getan, ihre großen SUV als besonders erstrebenswerte Automobile zu positionieren. Raumangebot, Komfort, Leistung und ein entsprechender Markenauftritt rechtfertigten stattliche Preise. Inzwischen treten chinesische Hersteller mit eigenen Angeboten in diesem ertragreichen Segment an. BYD bringt mit dem neuen ATTO 8 nun ein Fahrzeug nach Europa, das vor allem bei der Ladetechnik mit neuen Bestwerten brillieren will und wohl auch wird.
Auf der Pariser Motorshow präsentiert sich das neue Flaggschiff als rein elektrischer Siebensitzer. Mehr als fünf Meter lang, mit einer großen 115kWh Batterie und einer umfangreichen Komfortausstattung. Das wäre für sich genommen noch keine außergewöhnliche Nachricht. Die angekündigten Ladezeiten machen den ATTO 8 jedoch zu einer der technisch interessanten Neuheiten der Messe.

Fünf Minuten für 60 Prozentpunkte
BYD nennt für die neue Flash-Charging-Technik fünf Minuten, um den Ladestand von zehn auf 70 Prozent zu erhöhen, was soviel bedeutet wie knapp 70kWh neue Energie, oder in etwas 300-350km in dieser Zeit. Nach insgesamt neun Minuten sollen 97 Prozent erreicht sein. Besonders der zweite Wert verdient Aufmerksamkeit: Während Schnellladezeiten üblicherweise für einen Bereich bis 80 Prozent angegeben werden, bezieht BYD den oberen Ladebereich weitgehend ein.
Dort reduzieren Elektroautos ihre Ladeleistung normalerweise deutlich. Wer vor einer längeren Etappe möglichst viel Energie mitnehmen möchte, bezahlt die letzten Prozent deshalb häufig mit einer überproportional langen Wartezeit. Sollte der ATTO 8 die angekündigten Werte unter nachvollziehbaren Praxisbedingungen erreichen, würde er genau diesen Nachteil erheblich verkleinern.
Auch für sehr niedrige Temperaturen macht BYD eine konkrete Angabe. Bei minus 30 Grad Celsius soll das Laden von 20 auf 97 Prozent zwölf Minuten dauern. Dabei ist der unterschiedliche Ausgangsladestand zu beachten: Der Kältewert beginnt bei 20 Prozent, die Neun-Minuten-Angabe bei zehn Prozent. Das Werbeversprechen „ready in five, full in nine – if cold add three“ fasst somit unterschiedliche Ladefenster zusammen. Und „full“ bedeutet in diesem Fall 97 Prozent.
Die Größenordnung bleibt dennoch bemerkenswert. Eine solche Ladefähigkeit könnte die Reiseplanung stärker verändern als weitere hundert Kilometer theoretische Reichweite. Wenn während einer kurzen Unterbrechung ausreichend Energie für die nächste längere Etappe in die Batterie fließt, verliert die Ladepause einen erheblichen Teil ihres bisherigen Gewichts. Vorausgesetzt die Ladeinfrastruktur spielt hier mit.
Die Station gehört zum Versprechen
Voraussetzung ist eben eine geeignete Ladeinfrastruktur. Die angekündigten Zeiten lassen sich nicht allein durch den Kauf des Autos sicherstellen. Fahrzeug und Ladestation müssen technisch zusammenpassen und die erforderliche Leistung bereitstellen können.
BYD verbindet die Einführung deshalb mit einem Ausbauplan: Bis Ende 2027 sollen europaweit 3.000 Flash-Charging-Stationen installiert werden. Für die Kunden wird deren Verteilung entscheidend sein. Eine hohe Zahl hilft auf der Urlaubsfahrt wenig, wenn die passende Station einen beträchtlichen Umweg verlangt.
Für einen späteren Test des ATTO 8 gehört deshalb der gesamte Vorgang zur Bewertung. Wie zuverlässig lässt sich die Station finden und nutzen? Mit welchem Ladestand und welcher Batterietemperatur kommt das Auto an? Wie viel Energie wird in welcher Zeit nachgeladen? Erst daraus ergibt sich, welchen Vorteil die Technik auf einer gewöhnlichen Reise tatsächlich bringt.
Die von BYD genannte Relation, wonach der ATTO 8 für zehn auf 97 Prozent nur etwa ein Drittel jener Zeit benötigt, die vergleichbare SUV für zehn auf 80 Prozent brauchen, ist zunächst eine Herstellerbewertung. Dennoch bringt gerade damit eine Lösung und Anwendung für einen der größten Kritikpunkte der E-Mobilität auf den Markt und wird so auch andere Hersteller zwingen an Ladeleistung nachzubessern, was wiederum der gesamten E-Mobilität helfen wird. Vielleicht weniger im Alltagsgebrauch selbst, fährt der durchschnittliche Autofahrer nicht mehr als 35km / Tag, sondern vielmehr in der Diskussion und Akzeptanz!

Zwei Antriebe, dieselbe große Batterie
Der ATTO 8 nutzt in beiden angekündigten Varianten eine Blade-Batterie der zweiten Generation mit 115 kWh Kapazität. Unterschiede gibt es bei Antrieb, Leistung und Reichweite. Im Design RWD arbeitet ein Elektromotor an der Hinterachse. Er leistet 340 kW beziehungsweise 462 PS und liefert 365 Nm Drehmoment. BYD nennt acht Sekunden für den Sprint auf 100 km/h und eine kombinierte WLTP-Reichweite von 653 Kilometern.
Der Excellence AWD erhält einen zusätzlichen Motor an der Vorderachse. Seine maximale Systemleistung beträgt 570 kW beziehungsweise 775 PS, das Systemdrehmoment 775 Nm. Damit soll der Siebensitzer in 4,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Die angegebene WLTP-Reichweite sinkt auf 602 Kilometer.
Schon die Heckantriebsversion bringt damit reichlich Leistung mit. Welche Ausführung für Käufer sinnvoller ist, wird auch von Preis, Traktionsbedarf und den jeweiligen Einsatzbedingungen abhängen. Für ein großes Reisefahrzeug dürften Reichweite, Verbrauch und Ladeverhalten im Alltag häufiger relevant sein als die maximale Beschleunigung.
Fünf Meter Auto müssen auch innen etwas bringen
Mit 5,04 Metern Länge, 1,996 Metern Breite und 1,76 Metern Höhe gehört der ATTO 8 eindeutig zu den großen SUV. Seine Abmessungen rücken ihn in das Umfeld eines BMW X5, Mercedes GLE oder Audi Q7, auch wenn sich Antriebskonzepte und Modellangebote unterscheiden.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Innenraum. Sieben Sitzplätze allein sagen noch wenig darüber aus, wie gut Erwachsene in der dritten Reihe unterkommen oder wie bequem sich diese erreichen lässt. Das muss der ATTO 8 im direkten Gebrauch zeigen. Beim Gepäckraum liefert BYD bereits konkrete Werte. Sind sämtliche Sitze aufgestellt, bleiben 270 Liter Kofferraum. Mit umgeklappter zweiter und dritter Reihe steigt das Volumen auf bis zu 1.960 Liter. Hinzu kommt ein ungewöhnlich großer Frunk mit 136 Litern. Für ein Familienauto ist dieser zusätzliche, vom hinteren Gepäckraum getrennte Stauraum durchaus relevant.
Ebenso wichtig werden die Details sein, die sich erst beim Beladen und Umbauen beurteilen lassen: die Handhabung der Sitze, die Form des Laderaums und die Zugänglichkeit bei voller Besetzung. Gerade ein Auto dieser Größe muss seinen Platzbedarf durch einen entsprechenden Nutzwert rechtfertigen.

Komfort bis in die zweite Reihe
Bei der Ausstattung legt BYD die Messlatte hoch. Die Vordersitze sowie die äußeren Plätze der zweiten Reihe verfügen laut Hersteller über Heizung, Belüftung und Massagefunktionen. Sämtliche Sitze sind in beiden Varianten mit Echtleder bezogen. Eine Dreizonenklimatisierung gehört zur Serienausstattung, ein 2,39 Quadratmeter großes Panoramaglasdach soll Licht in den Innenraum bringen.
Das Cockpit kombiniert ein 10,25 Zoll großes Instrumentendisplay mit einem zentralen 15,6-Zoll-Touchscreen und einem Head-up-Display, dessen Projektionsgröße BYD mit 26 Zoll angibt. Google Built-in integriert Navigation, Sprachassistenz und den Zugang zum Play Store.
Dazu kommen Ausstattungsdetails, die den gehobenen Anspruch unterstreichen. Ein Fach kann seinen Inhalt auf bis zu minus sechs Grad kühlen oder auf bis zu 50 Grad erwärmen. Im Design RWD sind zehn Lautsprecher vorgesehen, im Excellence AWD deren 21.
Wie hochwertig sich der ATTO 8 tatsächlich anfühlt, entscheidet sich allerdings auch an weniger spektakulären Eigenschaften. Sitzpolsterung, Abrollkomfort, Windgeräusche und die Bedienung während der Fahrt lassen sich durch eine lange Ausstattungsliste nicht ersetzen. Hier müssen sich neue Anbieter denselben Maßstäben stellen wie die etablierten Marken.
Ein konkreter Maßstab für Europas Hersteller
Der ATTO 8 zeigt, wie sich der Wettbewerb verändert. BYD will im oberen Segment mit Raum, Komfort und einer technischen Fähigkeit überzeugen, deren Nutzen unmittelbar verständlich ist. Eine wesentlich kürzere Ladepause braucht keine aufwendige Erklärung.
Für die europäische Konkurrenz wird damit die Frage dringlicher, welche Vorteile sie ihren Kunden bei einem zum größeren finanziellen Aufwand bietet. Markenvertrauen, Fahrwerkskompetenz, Verarbeitungsqualität und ein leistungsfähiges Servicenetz bleiben gewichtige Argumente. Sie müssen sich aber mit neuen technischen Angeboten messen lassen.
Der europäische Verkaufsstart des ATTO 8 ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen. Einen österreichischen Preis nennt die vorliegende Presseunterlage noch nicht. Damit fehlt vorerst eine wesentliche Größe für seine Marktposition.
Das technische Angebot ist dennoch deutlich umrissen. BYD kündigt ein großes elektrisches Familienauto an, das seine Batterie während einer sehr kurzen Pause nahezu vollständig nachladen können soll. Beim späteren Test wird genau dieses Versprechen im Mittelpunkt stehen. Neun Minuten wären für den Fahrer eine kurze Unterbrechung. Für den Wettbewerb wäre ein solcher Wert ein erheblicher Entwicklungsauftrag.
















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