MOTORWELT

Alpine A110 – Das Ende des blauen Wunders

Ein Abschied ohne Wehmut in Dieppe: Alpine stellt die Produktion der legendären zweiten Generation der A110 ein. Über 35.000 Sportwagen prägten eine Ära, nun rüstet man sich für die elektrische Zukunft.

Dieppe, 1. Juli 2026 – Es ist ein stiller, aber monumentaler Wendepunkt in der französischen Automobilgeschichte. In den Werkshallen der traditionsreichen „Manufacture Alpine Dieppe Jean Rédélé“ ist das letzte Exemplar der zweiten Generation der Alpine A110 vom Band gelaufen. Exakt 35.450 Fahrzeuge wurden seit dem Start im Jahr 1969 in dieser normannischen Küstenstadt montiert. Das finale Fahrzeug – eine radikale, gewichtsoptimierte Alpine A110 R 70 in tiefem Alpine-Blau mit kontrastierendem Carbondach – markiert nicht nur das Ende einer Epoche, sondern fällt symbolträchtig mit dem bevorstehenden 70. Geburtstag der Marke zusammen. 300 Pferdestärken stark, verkörpert dieses Jubiläumsmodell noch einmal das pure, kompromisslose Versprechen eines automobilen Leichtbaus.

Von den gebauten Einheiten entfallen allein 28.701 auf die im Jahr 2017 vorgestellte Neuauflage, mit der die Performance-Marke einst ihre Rückkehr feierte. Sie war seinerzeit ein Wagnis, eine nostalgisch angehauchte Renaissance in einer Welt, die bereits von schweren Sport-Utility-Vehicles (SUV) und strengen Emissionsvorgaben dominiert wurde. Dass sich die flache Berlinette gegen alle Markttrends zu einem kommerziellen Erfolg entwickelte und sich fest im Segment der Premium-Sportcoupés etablierte, gleicht einem kleinen Wirtschaftswunder. Es zeugt von der ungebrochenen Leidenschaft der Belegschaft in der Normandie, von denen viele Familien bereits in der dritten Generation mit der Marke verwoben sind. Man sagt den Menschen hier in Anspielung auf die Hausfarbe nach, sie hätten „blaues Blut“ in den Adern.

Die Geschichte hinter dem legendären Blau

Wer an Alpine denkt, sieht Blau. Über 58 Prozent aller in Dieppe gefertigten Fahrzeuge verließen das Werk in einer blauen Lackierung, ein Drittel davon im unverkennbaren „Alpine Blau“ (Farbcode 331). Doch die Entstehung dieser Markenidentität beruht auf einem historischen Missverständnis. Entgegen der landläufigen Meinung leitet sich der Ton keineswegs von den klassischen nationalen Rennfarben ab, wie dem British Racing Green oder dem italienischen Rosso Corsa.

Die Wurzeln liegen vielmehr im individuellen Wunsch eines einzelnen Kunden aus den frühen 1960er Jahren. Dieser bestellte seine Berlinette in einem metallischen Blauton – eine Nuance, die Jean Rédélé und nachfolgend der gesamten Kundschaft so imponierte, dass sie zum ewigen Markenzeichen erhoben wurde. Es wurde zum Symbol für Leichtigkeit, Agilität und jenen französischen Geist des Savoir-faire, der das Automobil als Kulturgut begreift.

Ein französisches Ökosystem der Exzellenz

Die A110 war nie ein isoliertes Produkt, sondern das Herzstück eines fein austarierten, rein französischen Industrie-Ökosystems. In Zeiten globalisierter Lieferketten blieb Alpine bemerkenswert lokal verwurzelt. Das Fahrwerk und die Motoren wurden in Le Mans und Cléon gefertigt, während die Reifen in enger strategischer Partnerschaft mit dem Spezialisten Michelin auf die millimetergenaue Agilität des Mittelmotor-Sportlers abgestimmt wurden. Diese Philosophie der kurzen Wege und der regionalen Exzellenz soll auch in der Elektromobilität fortgeführt werden: Selbst die Hochvoltbatterien der kommenden Generationen stammen aus Frankreich und werden in Douai montiert.

Der Sprung in das technologische Neuland

Wehmut ist in Dieppe dennoch nicht zu spüren; der Blick ist konsequent nach vorn gerichtet. Während das letzte Verbrennermodell die Hallen verlässt, laufen die tiefgreifenden Vorbereitungen für die dritte Generation bereits auf Hochtouren. Alpine steht vor der größten Transformation ihrer Geschichte: Der Nachfolger wird der erste vollelektrische Sportwagen der Marke sein.

Basis für dieses neue Kapitel ist die eigens entwickelte Alpine Performance Platform (APP). Die Herausforderung für die Ingenieure könnte kaum größer sein. Ein Elektroauto schleppt naturgemäß das schwere Erbe der Batteriepakete mit sich. Das historische Credo von Jean Rédélé lautete jedoch stets: Leichtigkeit und Agilität über schiere Motorleistung. Die neue Plattform muss nun beweisen, dass sich der puristische Fahrspaß einer A110 ohne Einbußen in ein neues, emissionsfreies Zeitalter übersetzen lässt. Die Investitionen in neue Fertigungswerkzeuge und die Modernisierung des Standorts Dieppe unterstreichen, dass Frankreich gewillt ist, seine automobile Spitzenklasse auch unter Strom zu verteidigen. Das blaue Wunder ist nicht vorbei – es verändert nur sein Geräusch.

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