„Formel E auf Steroiden?“ – Warum Verstappens Satz den Motorsport 2026 besser beschreibt, als ihm lieb sein dürfte
„Die neuen Autos fühlen sich an wie Formel E auf Steroiden.“
Als Max Verstappen diesen Vergleich in Richtung der kommenden Formula One-Generation zog, war das provokant – und klar gegen die aktuelle Entwicklung der Formel 1 gerichtet. Doch jenseits von Polemik steckt in diesem Satz mehr Wahrheit, als vielleicht beabsichtigt war.
Lässt man reinen Topspeed, Aero-Komplexität und Downforce außen vor – dort bleibt die Formel 1 unangefochtene Referenz –, zeigt sich eine strukturelle Verschiebung: Mehr Energiemanagement, weniger permanentes „flat out“, stärkere Gewichtung elektrischer Leistungsphasen.
Elektrische Energie ist nicht mehr Zusatz. Sie ist Teil der Leistungsarchitektur.
Was in der Formel E seit Jahren konzeptioneller Kern ist, rückt nun auch in der Königsklasse stärker ins Zentrum.

Wo steht die Formel E im Motorsport?
Die Formel E ist weder Nachwuchsserie noch Marketinginstrument. Sie ist eine offizielle FIA-Weltmeisterschaft mit klar definiertem Entwicklungsauftrag: elektrischer Hochleistungs-Motorsport unter realem Wettbewerbsdruck.
Und sie ist fahrerisch hochklassig besetzt. Namen wie Pascal Wehrlein, Sébastien Buemi, Nyck de Vries oder Felipe Drugovich zeigen, dass hier keineswegs zweite Garnitur fährt.
Im globalen Motorsport-Gefüge bedeutet das:
- Formel 1: maximale Gesamtperformance mit Hybrid-Integration
- Langstrecke (WEC/IMSA): Systemeffizienz über Distanz
- Rallye (WRC): Traktion und Adaptionsfähigkeit
- Formel E: Energieeffizienz unter Sprintdruck
Formel E besetzt damit eine klar definierte Disziplin:
Kurzdistanzrennen mit strikt limitierter, strategisch zu verwaltender Energie.

Technische Realität: Gen3 Evo
Gefahren wird aktuell mit dem Gen3-Evo-Fahrzeug. Die Eckdaten:
- 300 kW Rennleistung
- 350 kW im Attack Mode
- 0–100 km/h in rund 1,8 Sekunden
- bis zu 600 kW Rekuperationsleistung
- Top-Speed um 320 km/h
Das sind keine symbolischen Werte. Das sind ernsthafte Leistungsdaten.
Der Unterschied zur Formel 1 liegt nicht in der Ernsthaftigkeit der Performance, sondern in ihrer Gewichtung:
Formel E belohnt nicht nur den schnellsten Fahrer – sondern den präzisesten Energie-Architekten.
Wie Formel-E-Rennen funktionieren
Ein E-Prix ist kein permanenter Angriff, sondern ein kontrollierter Energiehaushalt.
Jeder Fahrer startet mit einer exakt definierten Energiemenge. Wer sie falsch einteilt, verliert – selbst bei überlegenem Tempo.
Strategische Schlüsselfaktoren:
- Attack Mode: Mehrleistung durch Verlassen der Ideallinie – taktisches Risiko gegen kurzfristigen Vorteil.
- Pit Boost: Ein verpflichtender Schnelllade-Stopp bringt zusätzliche Energie ins Rennen und verschiebt Strategiefenster.
- Rekuperation: Bremsenergie ist kein Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil der Rennplanung.
- Wer zu früh pusht, fällt zurück.
- Wer Energie falsch prognostiziert, verliert im Finale.
Das ist Hochleistungsmotorsport – nur anders kalibriert.

Warum Verstappens Vergleich Wirkung entfaltet
Verstappens Satz war keine Abwertung der Formel E. Er war ein Reflex auf die Veränderung der Formel 1.
Auch dort wird Energiemanagement zentraler. Der reine Verbrennungsmotor als dominierendes Element ist Geschichte. Elektrische Leistungsphasen beeinflussen Rennverlauf und Fahrgefühl zunehmend.
Die Formel E zeigt seit Jahren, wie sich Rennen entwickeln, wenn elektrische Energie nicht Ergänzung, sondern Grundlage ist.
Persönliche Perspektive
Gerade weil ich heuer mehrere europäische Läufe der Formel E begleiten darf, beschäftige ich mich intensiv mit dieser Serie. Und je tiefer man einsteigt, desto klarer wird:
Formel E steht nicht in Konkurrenz zur Formel 1.
Sie ist aber auch kein Nebenschauplatz.
Sie existiert neben den klassischen Kategorien – als eigenständige Hochleistungsplattform mit klarer technologischer DNA.
Dass mit Citroën Racing und DS Penske gleich zwei Marken aus dem Stellantis-Konzern engagiert sind, unterstreicht die strategische Bedeutung dieser Meisterschaft für große Hersteller.
Mitte März werde ich erstmals in Madrid vor Ort sein. Dann folgt die nächste Ebene der Einordnung – direkt aus dem Fahrerlager.
Vielleicht beschreibt Verstappens Satz letztlich ungewollt genau das:
Der Motorsport verschiebt sich.
Nicht weg von Performance – sondern hin zu einer neuen Definition davon.















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